Tafel in Lübz : Dankbar für Hilfe in der Not

Karl-Heinz Benick: „Einwandfrei, was uns hier geboten wird!“
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Karl-Heinz Benick: „Einwandfrei, was uns hier geboten wird!“

Die Lübzer Tafel beim Arbeitslosenverband unterstützt rund 300 Bedürftige mit Lebensmitteln. Die Ausgabestelle ist auch sozialer Treffpunkt.

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21. November 2017, 05:00 Uhr

Nach seiner Lehre zum Agrotechniker arbeitet Karl-Heinz Benick im Lübzer Mineralwollewerk, das 1990 seine Pforten schließt. Der heute 58-Jährige wird bald für immer erwerbslos, muss sein Haus verkaufen und wohnt letztlich von 1994 bis 2000 im damals noch existierenden Obdachlosenheim in der Benziner Chaussee. Diese Einrichtung existiert zwar nicht mehr, aber der Arbeitslosenverband MV, Ortsverband Lübz & Umgebung e.V., unterhält hier heute in den Räumen seiner Möbelbörse eine Lebensmittel-Ausgabestelle für Bedürftige („Tafel“), zu der auch Benick regelmäßig kommt. Das Urteil des allein lebenden Mannes ist eindeutig: „Für Menschen wie uns mit dem bisschen Geld ist dieses Angebot einwandfrei! Alles ist liebevoll vorbereitet, es gibt von jedem etwas.“

So wörtlich „super zufrieden“ fühlen sich auch René Karstens und seine Lebenspartnerin Ines Scheel. Der gebürtige Goldberger arbeitete viele Jahre als Fliesenleger, als er nach einem Bandscheibenvorfall von heute auf morgen dazu nicht mehr in der Lage war und keine Chance mehr bekam, Geld zu verdienen. Ähnlich seine Lebensgefährtin, die während ihrer Tätigkeit als Altenpflegerin einen leichten Herzinfarkt erlitt. An diesem Tag freut sie sich besonders darüber, sogar ein paar Blumen mit nach Hause nehmen zu können.

Die Abholer sind in zwei Gruppen aufgeteilt. Derjenige, dessen Bedürftigkeit durch Vorlage eines Einkommensnachweises belegt ist, wird alle 14 Tage mit einem großen Karton voll verschiedener Lebensmittel aller Art unterstützt, zu denen besonders Brot, Obst, Milchprodukte, Wurst, Gemüse und manchmal sogar Fleisch gehören. Jeweils freitags kommt ein voll beladener Transporter der Parchimer Tafel mittags nach Lübz, Goldberg und Plau am See, um dort die seit mehreren Jahren vor allem von Supermärkten aus allen drei genannten Städten zur Verfügung gestellte Ware anzuliefern. Hinzu kommt Pudding aus einem Neubrandenburger Großlager.

In Lübz sortieren ein ehrenamtlicher Helfer und vier 1-Euro-Jobber die Lebensmittel dann in der Form, dass sie für jeden Abholer entsprechend Kartons befüllen, diese mit einem Namenszettel versehen und abholbereit auf ein großes Bord stellen. Stress, weil zum Beispiel etwas schon vergriffen ist, gibt es hier nicht. Wer die Ware abholt, muss sie dann nur in mitgebrachte Taschen umfüllen. „In Lübz arbeiten wir paritätisch – alle werden grundsätzlich gleich bedient“, sagt Dr. Heiko Hahnel vom Arbeitslosenverband. „Die gelieferte Ware ist in der Regel sehr gut, so dass wir jede Woche wieder dankbar für die Unterstützung sind.“

Die Ausgabe erfolgt zwischen 15 und 16 Uhr. Allein in Lübz werden gegenwärtig rund 300 Menschen auf diese Art und Weise unterstützt. Immer wieder bewusst machen müsse man, dass dies nicht selbstverständlich sei: „Es besteht absolut kein Rechtsanspruch darauf, was einige nicht verstehen. Diese Versorgung ist freiwillig und zusätzlich. Wir registrieren auch Beschwerden, was jedoch keine nennenswerte Größe darstellt. Die weitaus überwiegenden Äußerungen fallen positiv aus.“

Dr. Hahnel sieht die Räume auch als soziale Anlaufstelle. Viele, die dorthin kommen, kennen sich und seien erfreut, mit anderen reden zu können. Mit Blick auf die am 14. Dezember im Versammlungsraum des Arbeitslosenverbandes stattfindende Weihnachtsfeier der Tafel gehöre erwähnt, dass die Stadtwerke diese Veranstaltung auch in diesem Jahr wieder unterstützen. „Häufig verbinden sich mehrere Notlagen“, berichtet Dr. Hahnel. „Wer also zum Beispiel unsere Möbelbörse aufsucht, hat oft auch Schulden und könnte vielleicht die Tafel ebenfalls gut gebrauchen.“ Anträge nimmt der Arbeitslosenverband entgegen.

Die Menge derjenigen, die zur Tafel kommen, sieht der professionelle Schuldenberater nur als Spitze des Eisbergs an. Viele suchten sie zum Beispiel aus Scham nicht auf. Dr. Hahnel warne jeden davor, zu glauben, dass es ihm nie passieren werde, die Tafel nutzen zu müssen: „Zu uns kommen auch viele Menschen aus gutbürgerlichen Verhältnissen, die alles andere als faul oder ähnliches waren, sondern aus unterschiedlichsten Gründen abstürzen. Gleichzeitig ermahne ich alle davon Betroffenen, sich nicht einfach damit abzufinden.“

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