Kennenlernen - näherkommen : Bustour gegen Internet-Vorurteile

Die Köche Amir (v. im Bild) und Andrew versorgen das Team mit Köstlichkeiten aus aller Welt. Fotos: Franziska Gutt
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Die Köche Amir (v. im Bild) und Andrew versorgen das Team mit Köstlichkeiten aus aller Welt. Fotos: Franziska Gutt

Junge Ehrenamtliche auf Deutschland-Tour: Bus der Begegnungen hielt in Plau am See. Gespräche außerhalb der digitalen Welt

svz.de von
18. September 2017, 21:00 Uhr

Said, gebürtiger Hamburger und Wahlberliner, steht auf dem Marktplatz und erzählt von seiner ungewöhnlichen Reise durch Deutschland: „Für mich persönlich waren ostdeutsche Städte wie Chemnitz und Apolda zuvor No-go-Areas. Jetzt weiß ich aber, dass in Ostdeutschland nicht nur rechts gesinnte, sondern auch sehr offene, freundliche Menschen leben.“ Said ist Vorstand von „Zahnräder-Netzwerk“, eine Plattform für sozial-engagierte Muslime in Deutschland. Auf der Rundtour wollte er mit seinen eigenen Vorurteilen aufräumen, gibt er zu. „Bus der Begegnungen“ heißt das Projekt, bei dem Saids eigene und viele andere Organisationen mitmachen.

Der rote Bus wurde von keiner Partei auf Tour geschickt. Der Bus gehört eigentlich Stella. Sie hat den ausrangierten Doppeldecker über vier Jahre auf eigene Faust restauriert. Ganzjährig touren sie und ihre Mitarbeiter mit dem Transporter der Linie 94 als eine Art „fliegendes Klassenzimmer“ durch Berlin und Brandenburg. Für das temporäre Projekt „Bus der Begegnungen“ schlossen sich unterschiedliche Aktivisten mit ihr zusammen, um deutschlandweit das Gespräch fernab der digitalen Welt zu suchen.

Für die Fahrgäste des Begegnungs-Busses stellt sich nämlich die Spaltung der deutschen Gesellschaft als grundlegendes Problem dar. Schließlich sind die Deutschen so polarisiert wie lange nicht. Doch Diskussionen spielen sich heutzutage großteils im Internet ab. Die Städtereise soll da Abhilfe schaffen. In kleinen wie mittelgroßen Städten sind Stella, Said und Co. unterwegs, um vor allem der Lebensrealität der Bevölkerung ein Stück weit näher zu kommen. Menschen treffen, mit ihnen ins Gespräch kommen, sich ein „echtes“ Bild von Deutschland machen – und wozu das Ganze? Nicht um zu belehren und zu bekehren – eher das Gegenteil ist bei ihrem Stopp in Plau am See deutlich zu spüren. Die Mitfahrer vom „Bus der Begegnungen“ suchen bei den Plauern das, was ihr Name verspricht: den puren, unverfälschten Austausch mit „ganz normalen“ Leuten. Ungezwungene Gespräche über Gott und die Welt. Einen Zugang zu Menschen, die sie vorher noch nie im Leben getroffen haben.

Wie auf dem Plauer Marktplatz lief die gesamte Tour der jungen Ehrenamtlichen ab, die jetzt in Berlin endete. Gegen Mittag parkten sie auf einem zentralen Platz und holten bei gutem Wetter die Bierbänke raus. Auch zwei Köche sind mit an Bord. Amir und Andrew von „Über den Tellerrand hinaus kochen“ versorgen das Team täglich mit Mahlzeiten und schicken es gleichzeitig auf kulinarische Weltreise.

Am frühen Nachmittag gesellen sich nach und nach neugierige Bürger zu den jungen Leuten aus dem roten Riesen. Die Plauerin Renate Drengk wagt ebenso einen Blick in den Bus und kommt sofort ins Plaudern. „Ich finde die Aktion gut. Es ist wichtig, dass junge Leute rumkommen und was lernen. Man muss sich begegnen, austauschen und bei Problemen helfen“, sagt die Rentnerin gegenüber unserer Zeitung.

So kurz vor der Bundestagswahl gehen die Gespräche natürlich in eine politische Richtung. Genau das wollen die jungen Berliner aus dem Retrobus erreichen: „Der Dialog im Netz ist verschärft, destruktiv und nur auf Konfrontation aus. Es kommt nicht wirklich zum Austausch. Vieles spielt sich in Filterblasen ab“, sagt Said. Der Begriff meint digitale Räume, in denen die eigene Meinung stets bestätigt wird. Es sind diese Blasen, welche die jungen Leute zum Platzen bringen versuchen. Dies gelinge zum Teil auch, meint Stella dazu: „Leute, die bei uns stehen bleiben, sind meist sehr offen. Auch sind es dann immer vernünftige Gespräche, in denen es nicht um Oberflächlichkeiten geht.“



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