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26. September 2017 | 09:16 Uhr

"Bürokratisch aufgeblähte Wege"

vom

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erstellt am 21.Okt.2010 | 07:02 Uhr

lübz | "Diese langen Dienstwege, der ganze bürokratisch aufgeblähte Apparat - alles Schikane und absolut unprofessionell. Wenn ich mit meinen Kunden so umgehen würde, könnte ich am nächsten Tag die Tür zuschließen!" Auch wer Marcel Rehfeldt, Leiter des Lübzer Hagebaumarktes, nicht näher kennt, weiß nach wenigen Sekunden über die Stimmung dieses Mannes, sein Vertrauen in staatlich gelenktes Handeln Bescheid.

Das Fundament dafür entsteht Anfang des Jahres. Matthias Kießlich, damals noch Hartz-IV-Empfänger, zieht mit seiner Freundin von Bernburg in Sachsen-Anhalt nach Lübz. Hier beantragt er die Unterstützung neu, deren Höhe sich auch nach dem Verdienst der Lebensgefährtin richtet. Sofort alle Belege darüber vorzulegen ist nicht möglich, weil die Wohnung der Frau ausgebrannt ist. Erste Auskunft: Die Behörde kann den Antrag so nicht bearbeiten.

Ungeachtet dessen stellt sich Kießlich beim Hagebaumarkt vor, absolviert ein 14-tägiges Praktikum. Nach dessen Abschluss entscheidet der Marktleiter, dass er den Neuling behalten möchte und beantragt einen Zuschuss zur beruflichen Wiedereingliederung. "Daraufhin teilte mir das Arbeitsamt mit, dass es nicht mehr zuständig sei und verwies mich an die Deutsche Rentenversicherung Nord", berichtet Rehfeldt. "Dann hat es mindestens einen Monat gedauert, bis die Unterlagen von Herrn Kießlich dort angekommen waren." Nach deren Prüfung die nächste Forderung: Man verlangt einen ärztlichen Befund, der aussagt, ob der neue Mann überhaupt noch arbeiten kann. Da steht allerdings schon fest, dass er nach einem früheren Unfall nur in keiner Schlosserei mehr tätig sein darf.

Ein Arzt in Lübz bescheinigt Kießlich beste Gesundheit. Darauf die Mitteilung der Rentenversicherung, dass erst einmal ein interner Mediziner bei ihr die Angelegenheit überprüfen müsse. Etwas später die Auflage, dass der Neu-Lübzer noch einmal zur Amtsärztin nach Schwerin gehen möge, wo sich nichts anderes ergibt als nach dem Termin bei ihrem Kollegen in Lübz. Das dreifach positve Urteil bewirkt folgende Aussage: Damit sind nicht mehr wir, sondern wieder die Kollegen des Arbeitsamtes zuständig. Rehfeldt platzt vor Ärger: "Das ist einfach unfassbar, eine grenzenlose Veräppelung der Leute! Ich habe diesen Leuten über Wochen hinterher telefoniert und ich sage Ihnen: Sie verzweifeln auch als Arbeitgeber, jemanden direkt erreichen zu wollen. Und im Zeitalter von Flatrate und Co. ist es obendrein eine Schweinerei - so deftig möchte ich es einmal sagen - nur gebührenpflichtige Nummern für 3,9 Cents in der Minute anzubieten, unter denen es nicht einmal direkte Ansprechpartner gibt."

Letztlich erfährt Kießlich zu seinem eigenen Erstaunen, dass er beim Arbeitsamt nicht mehr geführt wird, weil die Abgabefrist für die (wegen des Wohnungsbrandes) noch fehlenden Unterlagen verstrichen sei. "Somit war ich staatenlos und - wie ich später erfahren habe - zwischendurch seit Ablauf der Frist auch nicht krankenversichert", sagt der Betroffene. "Dabei hatte ich meine eigenen Papiere nachgereicht und uns hatte man mitgeteilt, dass die Höhe von Hartz IV trotz allem errechnet wird."

Ein Mitarbeiter des Arbeitsamtes, zu dem Kießlich schon vorher Vertrauen geschöpft hatte, bewahrte ihn schließlich davor, noch einmal ganz von vorn beginnen zu müssen und sorgte für die Förderung. Heute arbeitet Kießlich im Hagebaumarkt im Warenlager. Sein Chef zum Werdegang: "Leute in den Stellen, mit denen wir von Februar bis Juni gekämpft haben, werden vom Staat und damit auch von meinen Steuergeldern bezahlt. Sie sollen etwas für die Menschen tun, von Mensch zu Mensch zu reden und dem anderen nicht das Gefühl geben: Du bist schlecht, weil Du keine Arbeit hast. So etwas kenne ich auch aus privater Erfahrung und ich weiß nur von wenigen, die mit der Sensibilität des Personals auf genannten Posten zufrieden sind."

Rehfeldt gehe es nic ht darum, eine einzelne Stelle anzugreifen. Jeder für sich habe Vorschriften, die er einhalten muss. Wenn jedoch eine "Katastrophe" wie in vorliegendem Fall dabei herauskomme, gelte es, das gesamte System zu hinterfragen. Auch die Aussage, dass Arbeitgeber Probleme haben, Fachkräfte zu finden, dürfe man nicht isoliert sehen: "Dann hieße dies, dass rund drei Millionen unfähige Leute auf der Straße stehen und das glaube ich nicht! Vielmehr stimmt die Plattform nicht, auf der Suchende und Arbeitslose zusammenkommen."

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