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Altenpflegerin aus Goldberg : Beruf mit Zukunft, den (fast) keiner will

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Sie heben Pflegebedürftige aus den Betten und wickeln alte Menschen. Ein Traumberuf sieht anders aus. Für Christin Ohde nicht. Die Goldbergerin hat ihren Wunschberuf gefunden. Einfach ist der zwar nicht. Aber erfüllend.

svz.de von
erstellt am 28.Feb.2012 | 09:14 Uhr

Goldberg | Sie heben Pflegebedürftige aus den Betten. Sie wickeln alte Menschen. Sie helfen auf der Toilette. Ein Traumberuf sieht für viele anders aus. Für Christin Ohde nicht. Die 21-Jährige aus Goldberg hat ihren Wunschberuf gefunden. Einfach ist der zwar nicht. Aber erfüllend. "Anderen zu helfen, das ist meine Leidenschaft", sagt sie. Im August endet ihre Ausbildung. Doch eines ist für Christin Ohde jetzt schon klar: In der Altenpflege möchte sie bleiben.

Es ist ein Beruf, der kein gutes Image hat. Wer Arzt ist, der genießt ein hohes Ansehen. Wer Altenpfleger ist, der leistet zwar knochenharte Basisarbeit, ist aber weitaus weniger anerkannt in der Gesellschaft. Christin Ohde weiß das. "Manche denken, dass wir nur alte Menschen füttern, aber der Beruf ist sehr viel mehr als das", sagt die gebürtige Gallinerin. Sie hat sich daran gewöhnt, dass ihr Beruf kaum jemanden vom Hocker reißt.

"Sehr zu unrecht", findet ihre Chefin Bärbel Langer. Sie leitet das Goldberger Seniorenwohnheim Stephanushaus. 17 Fachkräfte arbeiten in der Einrichtung. Nur eine Auszubildende. "Fachkräfte und Auszubildende sind in der Region nur schwer zu bekommen", sagt Langer. Und das, obwohl der Beruf gerade in einer Gegend mit stark ansteigendem Durchschnittsalter viel Zukunft hat. Doch das Interesse der Schulabgänger an der Altenpflege ist naturgemäß gering. Umso mehr in einer Gegend, in der viele weggehen, um ihr Glück in einer Metropole wie Hamburg oder Berlin zu finden.

Vor zwei Jahren lud die Heimleiterin zum ersten Mal Schüler zu einem Tag der Pflegeberufe ins Stephanushaus ein. "Das Interesse war groß", erinnert sich Langer. Im vergangenen Jahr lud sie deshalb wieder Schüler ein. Diesmal war das Interesse nicht mehr so groß: Genau eine Schülerin kam. Die Zukunft der Pflegeberufe - in Goldberg und Umgebung ist es nicht sonderlich gut um sie bestellt. Und dass, obwohl Altenpfleger mit ihrer Ausbildung und ihrem Fachwissen bestens ausgestattet wären gegen die Arbeitslosigkeit.

Denn die Nachfrage nach Pflegeplätzen steigt in dem Heim an. "Besonders seit eineinhalb Jahren", sagt Langer. 79 Plätze hat das Haus, 78 davon sind besetzt. "Aber der eine Platz ist nur deshalb frei, weil leider eine Bewohnerin verstorben ist", sagt die Leiterin. Schnell werde dieser Platz wieder besetzt sein. Die Warteliste ist lang.

Die Warteliste potenzieller Auszubildender hingegen ist kurz. Kaum jemand möchte die schwierig Aufgabe übernehmen. Und selbst wenn sich einmal jemand gefunden hat: Die Abbrecherquote ist hoch. "Es ist eine anspruchsvolle, auch körperlich anstrengende Arbeit", sagt die Expertin. Die Anforderungen an ihr Personal seien sehr hoch. So hoch, dass manche Auszubildende schon nach ein paar Monaten die Nase voll haben und die Segel streichen. "Wir sehen es deshalb gerne, dass Auszubildende vor ihrer Ausbildung ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein FSJ, im Altenpflegebereich gemacht haben, denn dann wissen sie ganz genau, was auf sie zukommt", sagt die Frau mit den blonden Haaren.

Genau so hat es auch Christin Ohde gemacht. Die gebürtige Gallinerin verbrachte ein Jahr im Plauer Altenhilfezentrum Dr.-Wilde-Haus. "Anfangs fiel es mir nicht leicht, mit den Bewohnern umzugehen, aber mit der Zeit ging es immer besser", erinnert sich die 21-Jährige. Eigentlich hatte sie Kindergärtnerin oder Krankenschwester werden wollen. "Etwas mit Menschen - das war mir schon immer wichtig", sagt sie. An eine Altenpflegerausbildung hatte sie anfangs nicht gedacht. Doch je länger ihr FSJ dauerte, desto mehr wuchs ihr die Aufgabe ans Herz. "Ich kann in meinem Beruf Menschen unmittelbar helfen, das macht mich glücklich", sagt Ohde. Als Hauptziel empfindet sie es, den alten Menschen das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten und bestehende Fähigkeiten zu erhalten.

Ob Christin Ohde auch nach ihrer Ausbildung im Goldberger Stephanushaus arbeiten wird, steht noch nicht fest. Doch ganz schlecht ist es um diesen Schritt nicht bestellt. Das jedenfalls lässt sich aus den Zahlen erkennen. "Mein Fachpersonal ist zwischen 45 und 55 Jahren alt", sagt Bärbel Langer. Nachwuchs muss also früher oder später her. Leicht zu finden sind die jungen Kräfte nicht.

Besonders fragwürdig findet Langer vor diesem Hintergrund die Pläne der EU-Kommission, für Pflegeberufe das Abitur zur Grundvoraussetzung zu machen. Das Argument der Kommission: Die Gesundheitswirtschaft sei so komplex geworden, dass das Abitur Grundvoraussetzung sein sollte. "Dieser Plan geht in eine vollkommen falsche Richtung, denn dadurch würde es fast zur Unmöglichkeit werden, Auszubildende zu gewinnen", sagt Langer. Auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) lehnt den Vorstoß ab. "Noch sind es nur Pläne und ich hoffe sehr, dass sie nicht umgesetzt werden", sagt Bärbel Langer. Eine Hoffnung im eigenen Interesse: Pflegekräfte aus der Region - sie würden noch mehr als heute zur dringend benötigten Mangelware.

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