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Zukunft des Bahnverkehrs : „Beispiel für ein Sterben auf Raten“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Interview mit Tino Hahn, Geschäftsführer der Infrastrukturgesellschaft „Regio Infra“, zur Zukunft des Bahnverkehrs im Raum Parchim/Lübz

von
erstellt am 03.Sep.2016 | 05:00 Uhr

Die teilweise abbestellte Südbahn ist zum Sinnbild für den unerbittlichen Kampf darum geworden, politische Entscheidungen nicht wortlos hinzunehmen. Ein großer Teil des Streckennetzes gehört dem privaten Infrastrukturbetreiber „Regio Infra“. Sollte sich im Umgang mit der Bahn nichts ändern, sieht das Unternehmen für die Region und das Land eine vor allem auch in wirtschaftlicher Hinsicht schwarze Zukunft – die Stilllegung der Gleise droht. Regio Infra-Geschäftsführer Tino Hahn stellte sich den Fragen von SVZ-Redakteur Ilja Baatz.

Welche Chance geben Sie der Südbahn noch?

Tino Hahn: Wir reden nach wie vor mit den betroffenen Landkreisen und dem Land, um eine Lösung zu erzielen, doch die Zeit wird knapp. Bis Oktober müsste aus meiner Sicht eine Lösung gefunden werden, weil die für einen Weiterbetrieb notwendigen Verkehrsverträge vorher ausgeschrieben werden müssen, was mit langen Fristen verbunden ist. Wird die Lösung nicht möglichst schnell gefunden, sehe ich schwarz, diese wichtige Infrastruktur zu erhalten.

Welche Bedeutung haben die Verkehrsverträge zum Beispiel für die Strecke Malchow – Waren?

Sie werden zwischen dem Land und dem Eisenbahnverkehrsunternehmen abgeschlossen und sind die Grundlage dafür, den Schienenpersonennahverkehr und die Infrastruktur finanzieren zu können. Für die gesamte Südbahnstrecke zwischen Hagenow und Neustrelitz zahlte das Land für die Verkehrsleistung Zuschüsse, den Busverkehr hingegen stützt der Landkreis. Jeweils etwa 50 Prozent der Landesmittel zahlt das Eisenbahnunternehmen an den In-frastrukturbetreiber wie zum Beispiel die Regio Infra, der damit die Strecke unterhält und die Stellwerke besetzt.

In welchen noch bewirtschafteten Bereichen der Südbahn ist Ihr Unternehmen aktiv?

Zwischen Parchim, Lübz und Karow, wo momentan kein Zug mehr fährt, sowie Malchow und Waren. Wenn auch hier jedoch Ende 2017 Schluss ist, wie es das Land eindeutig gesagt hat, fallen für uns fast alle Einnahmen in Mecklenburg-Vorpommern weg. Dann können auch wir als privatwirtschaftliches Unternehmen das Netz nicht mehr unterhalten. Die Infrastruktur wäre verloren – aus meiner Sicht für immer.

Welche Streckenteile gehören Ihnen noch?

Als die DB Netz sagte, dass sie zum Beispiel zwischen Parchim und Karow keinen Verkehr mehr bestellen werde, haben wir diesen Abschnitt übernommen, um ihn langfristig zu erhalten. Sonst wäre er vermutlich schon weg. Grundbotschaft ist, alles zu unternehmen, vorhandene Infrastruktur zu erhalten.

Der Landrat etwa denkt, dass die Südbahn-Teilstrecke Hagenow – Parchim nicht davon bedroht ist, abbestellt zu werden. Wie denken Sie darüber?

Anders. Nächster Abschnitt ist meiner Meinung nach der zwischen Hagenow und Ludwigslust. Die erlebte Entwicklung und einige gefällte Entscheidungen sind erschreckend. Sicherlich gibt es Strecken, die weniger nachgefragt sind als viele andere, aber brauche ich in einem Körper nur die Hauptschlagader? Gegenwärtig ist die Südbahn ein Beispiel für ein Sterben auf Raten, der Region schneidet man nach und nach die Finger ab. In den letzten Jahren wurde das Angebot zwischen Hagenow und Neustrelitz immer weiter ausgedünnt, von weniger Fahrten bis zu gar keinem Verkehr mehr – allein auf unseren Abschnitten ein Rückgang um rund 80 Prozent.

Viele denken, dass die Bahn nicht ausreichend genutzt wird. Oft steht sie in Konfrontation zum Bus. Was sagen Sie dazu?

Bus und Bahn gehören zusammen. Ich finde zum Beispiel die Idee vom Rufbus gut, sie ist modern. Er muss die Leute aus der Fläche jedoch zur Hauptlinie der ungleich schnelleren Bahn bringen. Ein viel zu wenig beachteter Aspekt ist folgender: Wenn das Schienennetz verschwunden ist, bedeutet dies auch für den Güterverkehr einen Rückschlag. Auf dem Netz der Regio Infra werden gegenwärtig rund 800 000 Tonnen Ware im Jahr transportiert – Tendenz steigend. Ein Zug ersetzt 60 bis 80 Lastwagen. Und noch etwas ist interessant: Für durchschnittlich 70 Lkw muss ich zehn Euro Maut pro Kilometer auf der Autobahn bezahlen, 2018 kommt die Bundesstraßenmaut hinzu. Auf der Schiene beträgt sie mit 3,50 Euro pro Kilometer nur ein Drittel. Die Lkw-Logistik stellt sich gerade auf die Bahn um, wo immer es geht.

Warum ist das Verschwinden auch einer kleineren Eisenbahnstrecke nach Ihrer Meinung für ein Bundesland von so großer Bedeutung?

Wenn man die von West nach Ost führende Südbahn nicht erhält, vergibt sich Mecklenburg-Vorpommern mindestens für die nächsten 100 Jahre die Chance, diesen Raum wirtschaftlich attraktiv entwickeln zu können, generell einen effizienten Personen- und Güterverkehr zu erhalten und aufzustellen. Was zum Beispiel tun, wenn ein Unternehmen kommt und sagt: ,Wir bauen hier, brauchen aber einen Eisenbahnanschluss?‘ Mit den Schultern zucken? Wir betreiben auch die Strecke von Meyenburg über Plau und Karow nach Güstrow, die direkt nach Rostock führt. Auch sie wird es schwer haben. Damit wären 150 Kilometer Streckennetz in Mecklenburg dem Untergang geweiht.

Zunächst wird – wie man es offiziell nennt – eine Strecke „abbestellt“, was auch zwischen Parchim und Malchow der Fall ist. Was genau bedeutet das?

Auf einer solchen Strecke verkehren dann momentan zwar keine Personenzüge mehr, aber es wäre noch möglich. Nach einer Stilllegung ist alles vorbei. In der Regel folgen dann eine Entwidmung und der sofortige Rückbau, faktisch die Verschrottung der Gleise.

Auf den Schienenersatzverkehr durch die Buslinie 77 wird oft geschimpft – aus Ihrer Sicht wie berechtigt?

Es ist mehr als traurig, dass man die schnelle Bahn – mit 30 km/h mehr unterwegs – gegen langsame Busse ausgetauscht hat. Und auch nicht darüber nachdenken darf man, dass die Deutsche Bahn zwischen Hagenow und Karow schätzungsweise 50 Millionen Euro in die Sanierung der Strecke investiert hat.

Sie werden davon gehört haben, dass das Land die von der BI ProSchiene gestartete Volksinitiative zum Beispiel wegen der Unleserlichkeit von Unterschriften nicht anerkannt hat. Rund 14 100 Stimmen fallen unter den Tisch. Was sagen Sie dazu?

Ich bin Unternehmer und kein Demonstrant, halte dies aber unabhängig davon bezeichnend für den Umgang mit der Bevölkerung und der Sache an sich. Die Wahl ist jetzt abzuwarten. Ich hoffe, dass die neue Regierung – wie auch immer sie aussehen mag – viele Entscheidungen der alten Koalition überdenkt.

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