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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

13. Dezember 2017 | 17:50 Uhr

Technikgeschichte : Auto für Waschmaschine verkauft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Enrico Meier aus Lübz fährt einen der nur noch wenigen angemeldeten Trabant P 601. Dieses Modell lief vor 50 Jahren zum ersten Mal in Zwickau vom Band.

svz.de von
erstellt am 03.Sep.2014 | 22:00 Uhr

Bei der Anmeldung hat er das damals letzte verfügbare Kennzeichen mit der Zahl 601 bekommen. Ein Wunsch aus gutem Grund: Enrico Meier fährt noch einen Trabant P 601 – eine Modellreihe, die vor jetzt 50 Jahren zum ersten Mal gebaut wurde.

Wer in sein Anfang 1989 ausgeliefertes Auto steigt und die Augen offen hält, findet sich auch wegen der hier zur Ausstattung gehörenden Dinge im Alltag von vor gut 25 Jahren wieder: Ob durch die Zigarettenangebote „Juwel 72“ und „Semper“, das Zusatz-Thermometer „Teletherm maxi“, hinten hängende Wimpel unter anderem von MZ und mit den Aufschriften „FDGB Feriendienst Plau am See“ auf der einen und „Freude und Entspannung auch im Urlaub“ auf der anderen Seite oder den Prospekt vom Bolschoi-Theater Moskau. Allerdings gehe es Meier nicht um Verherrlichung, wie er selbst sagt: „Ich habe in der DDR gelebt und stehe auch dazu, aber im Vordergrund steht bei mir, alte Fahrzeugtechnik zu erhalten.“ Neben dem Trabant stehen in seinen Garagen unter anderem noch eine S51, ein selbst restauriertes Motorrad der Volkspolizei mit kompletter Beschriftung und ein ETZ-Gespann, das sich „extrem gut“ fahre, wenn Schnee liegt. Restauriert wird außerdem gerade ein Wohnwagen.

Was in dem Trabant nicht so recht passen mag, ist ein Autoradio mit CD-Player – mit das einzige hier zu findende Zugeständnis an die neue Zeit. Schon die Vorbesitzer haben das Gerät ziemlich grob in das Armaturenbrett eingesetzt, die erforderliche Fläche etwas ungenau herausgeschnitten. An der Stelle, die eigentlich für ein Radio vorgesehen ist, lassen sich die neuen nicht installieren, weil sie tiefer als die alten sind und deshalb hier wegen des zur Windschutzscheibe führenden Luftschachtes nicht genug Platz haben.

Wie damals allgemein üblich hat auch Meier zu DDR-Zeiten rechtzeitig Ersatzteile eingelagert, weil viele wie zum Beispiel Schweller, Radkästen und Viertel- oder Halbschalen sofort weg gewesen seien, wenn es sie denn einmal gab. Im Regal liegen sollte immer auch ein Satz Fahrwerksbuchsen aus dem Hartkunststoff Pertinax, die man etwa alle 20 000 Kilometer wechseln müsse.

Meiers erstes Auto war ein 1939 gebauter IFA F8. Eine nicht selbsttragende Kons-truktion, sondern mit einem Rahmen ausgestattet, auf den eine mit Kunstleder bespannte Holzkonstruktion montiert war. Aus Blech bestanden Kotflügel und Motorhaube. Dafür, dass der Wagen anhielt, sorgten noch Seilzugbremsen – von Hy-draulik keine Spur. „Als ich geheiratet hatte, haben wir dieses Auto verkauft, um uns eine vollautomatische Waschmaschine leisten zu können“, erzählt Meier.

Weil er keine Westverwandtschaft hatte, konnte der heute 52-Jährige nach der Armeezeit seine Ausbildung bei der Polizei beginnen, wo er noch heute arbeitet. „Wenn ich in Plau am See auf dem Parkplatz stehe, lassen sich gerade Urlauber oft mit dem Auto fotografieren“, so der gebürtige Lübzer.

Den ersten Trabant für ihn gab es 1984. Den damals 16 Jahre alten Zweitakter musste er komplett neu aufbauen, was wegen der oft nur schwer zu bekommenden Ersatzteile zu einem schwierigen Unterfangen wurde. Wenn man einmal anfange, grundlegend zu erneuern, sei nur schwer ein Ende zu finden. Für Teile hat Meier nach der Wende rechtzeitig gesorgt. Unter anderem wurden dafür zwei P 601 bis zur letzten Schraube zerlegt.

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