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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

18. November 2017 | 04:07 Uhr

Lübz : Aus seinem Lieblingsbuch vorlesen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Im Lübzer Mehrgenerationenhaus startete eine neue Veranstaltungsreihe. Auftakt mit einem Dutzend Zuhörern gut besucht

„Lesung auf dem karierten Sessel“ nennt sich die neue Veranstaltungsreihe, die nunmehr an jedem letzten Freitag im Monat im Lübzer Mehrgenerationenhaus stattfinden soll. Initiiert wurde sie von der durch Contergan-Tabletten geschädigten Carina Hedtke. Seit ihrer Geburt hat sie deutlich verkürzte Arme (SVZ berichtete). „Ich sehe es als meine Aufgabe an, als sichtbar behinderter Mensch aktiv auf andere zuzugehen.“ Zuletzt wohnte sie noch in Bremen, „aber da war es mir in die Natur zu weit“. Als sie bei einem Mecklenburg-Urlaub einen Seeadler einen Fisch aus einem See greifen sah, war es um sie geschehen: „Hier wollte ich leben.“ Das war vor knapp drei Jahren. Bis heute hat sie ihren Entschluss nicht bereut. Zur Landschaft, die ihr sehr gefällt, kamen auch noch angenehme Wesensarten der Mecklenburger hinzu. „Ich liebe es, wenn die sich mit Tagschön begrüßen.“

Bei der „Lesung auf dem karierten Sessel“ sind Vorlesende eingeladen, ihr Lieblingsbuch vorzustellen. Diese Idee brachte Carina Hedtke aus Bremen mit und konnte als Lesungsort das Lübzer Mehrgenerationenhaus gewinnen. Den Anfang am vergangenen Freitag machte dort Bürgermeisterin Gudrun Stein, ehemals Deutschlehrerin und leidenschaftlicher Bücherwurm. „Leider komme ich nur noch im Urlaub zum Lesen.“

Sie stellte einen Roman von Joochen Laabs vor: „Das Glashaus oder die Aufteilung von 35 000 Frau auf zwei Mann“ (1971) - Erlebnisse aus seiner Studentenzeit in Dresden, in Ich-Form locker erzählt, mit genauer Beobachtungsgabe gesegnet. Der Autor wurde 1937 bei Cottbus geboren. Nach dem Abitur arbeitete er dort als Straßenbahnfahrer. In Dresden studierte er dann Verkehrswesen und wurde als Diplom-Ingenieurökonom Fachgruppenleiter bei der Forschungsstelle für Kraftverkehr. Ab 1975 lebte er in Berlin, wo er sich als für die Literaturzeitschrift „Temperamente“ engagierte. Die gesamte Redaktion wurde wegen ihrer Solidarität mit Wolfgang Biermann entlassen, Laabs freier Schriftsteller. Als Gastprofessor lehrte Laabs an amerikanischen Universitäten.

Seine lyrischen Arbeiten der sechziger Jahre galten wegen ihrer Alltagsthematik und ihrem jugendlich-frischen Ton als Ausdruck sozialistischen Lebensgefühls. Auch in seinen Romanen und Erzählungen herrschte die psychologisch-nuancierte Betrachtung der Gegenwart vor. Seine jüngste Veröffentlichung ist der Gedichtband „Ungerechtferigtes Lamento (2017). Laab gehörte seit 1969 dem DDR-Schriftstellerverband und seit 1985 dem PEN-Zentrum an, dessen ostdeutscher Generalsekretär er 1993 wurde. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, zuletzt den Uwe-Johnson-Preis (2006). Die Vergabe-Jury würdigte ihn als Literaten, der über unterschiedliche Gesellschaften hinweg der eigenen Identität auf die Spur zu kommen vermag. Sein spielerischer Umgang mit Lebenserfahrungen biete einen neuen Zugang zur DDR-Geschichte. Damit bezeuge er, dass Literatur als Gedächtnis funktionieren könne und gebrochene Biographien mit erzählerischen Mitteln zu entdecken und wieder neu entstehen zu lassen vermag.

Horst Kamke

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