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Deutsche Jakobsgesellschaft MV : Auf Pilgerwegen durch den Norden

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Damit kennt sich Wilhelm Reichel von der Deutschen Jakobsgesellschaft aus. Er hielt in Plau am See einen Vortrag über seine Erlebnisse.

svz.de von
erstellt am 03.Feb.2017 | 12:00 Uhr

„Zwölf Wochen auf der Straße wie ein Obdachloser, wie halte ich das aus“, fragte sich Sozialarbeiter Wilhelm Reichel, bevor er zum ersten Mal Jakobspilger wurde. Danach hat ihn der „Weg“ (span. camino) nicht mehr losgelassen. Er führte ihn indirekt auch in eine ehrenamtliche Tätigkeit im Dienste der Jakobswege in Mecklenburg-Vorpommern. Heute ist er Regionalbeauftragter in MV und Koordinator der Pilgerwege in unserem Bundesland für die Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft.

Begeistert vom Pilgern: Wilhelm Reichel von der Deutschen Jakobusgesellschaft, Region MV
Begeistert vom Pilgern: Wilhelm Reichel von der Deutschen Jakobusgesellschaft, Region MV. Foto: Monika Maria Degner

Regelmäßig führt er Gruppen bis zu zehn Teilnehmern für eine Woche über nördliche Pilgerwege. Die Teilnehmergruppe für 2017 auf dem Weg von Sassnitz nach Tessin (30. 4. - 7. 5) hat sich, bis auf zwei Teilnehmer, schon wieder gefunden. Auch für Reichels Bildervortrag in der Plauer Klinik Silbermühle haben sich eher ungewöhnlich viele Zuhörer interessiert, stellt Marianne Feix aus Plau fest, die Veranstaltungen des Bildungswerks regelmäßig vor Ort begleitet.

Das Interesse am Jakobspilgern ist groß, insbesondere wohl auch, seitdem das Thema durch und mit dem TV-Prominenten Hape Kerkeling gleich mit prominent wurde. Auf dem Jakobsweg aber, das werden mehr oder weniger alle Beteiligten bestätigen, zählen gesellschaftlich erworbene Attribute, Gewohnheiten, ja, auch das Geflecht der uns umgebenden menschlichen Beziehungen – vorübergehend – nicht mehr. Gesucht wird das Andere. Das Leben jenseits jedweder Versicherungspolice, die Begegnung mit dem Elementaren und pur mit uns selbst.

Auch die Bilder, die Reichel vom Gruppenwandern auf unseren Jakobswegen zeigt, sprechen für ein „Arm-Werden“, man könnte die Grashalme am Wegesrand zählen und das ist nicht ironisch gemeint, die Wege ziehen sich fern von allem Spektakulären dahin. „Wir hören wieder auf Geräusche, die ursprünglich um uns herum sind“, sagt Reichel. Er zeigt ein Bild von einem blühenden Löwenzahnpflänzchen: „Und auch das Blümlein am Wegesrand findet unterwegs wieder Beachtung.“

Pilgern heißt aber auch immer, dass ein Preis gezahlt werden muss. Es ist das Gehen und das Tragen, das der Körper, die Füße und der Rücken erst einmal wieder lernen müssen. Und das Hirn sucht zunächst noch unentwegt nach dem Vertrauten. Die Schweigezeiten sind ungewohnt. Am dritten Tag frühestens, entnimmt man Reichels Berichten, ist man drin im Wandermodus. Die Teilnehmer tragen übrigens bis zu elf Kilo Gepäck im Rucksack, pro Tag läuft man gewöhnlich 25 bis 30 Kilometer.

Übervoll: Wilhelm Reichels Pilgerausweis mit Stempeln der Herbergen
Übervoll: Wilhelm Reichels Pilgerausweis mit Stempeln der Herbergen. Foto: Monika Maria Degner

Wenn sie abends dann bei der gemeinsamen Mahlzeit zusammensitzen, erfahren sie auch wieder, was es heiße „Unser tägliches Brot gib uns heute“, erläutert Reichel. Das erinnert daran, dass auch das moderne Pilgern auf einer religiösen Tradition beruht. Pilgern erscheint als eine alte Technik, wenn man so will, den Kopf zu reinigen und das Bewusstsein oder die Seele zu erfüllen mit Nicht-Alltäglichem. Was dies sein könnte, vermittelt auch Reichel, liegt in jedem selbst. Gottes- oder Heilssuche ist unter heutigen Pilgern sicher nicht zwangsläufig als Ziel definiert, das Ergebnis aber mag sich mit dem des mittelalterlichen Jakobspilgers decken.

Außerdem verbinden alle Jakobswege nach wie vor die alten Pilgerorte. Auf dem „Camino“ in Spanien sind dies beispielsweise Burgos oder natürlich das Ziel Santiago de Compostela. Hoch im Norden musste nach den traditionellen Pilgerorten teils noch geforscht werden. Sodann wählten Reichel und seine Mitstreiter von der Jakobusgesellschaft in MV Wege, die im Stillen, also abseits lärmender Straßen, zwischen den einzelnen Stationen gegangen werden können und markierten sie. Unterkünfte finden die Pilger auf mecklenburg-vorpommerschen Routen meist in Gemeinderäumen und Kirchen. Fünf Pilgerwege, die Via Baltica, der Birgitta-Weg und weitere, lenken unsere Schritte in diesem Bundesland. Über rund 1000 Kilometer kann man sich hier vom Zeichen der Jakobsmuschel führen lassen. „Der Jakobsweg beginnt immer vor der Haustür“, schließt der Beauftragte Wilhelm Reichel und freut sich bereits auf die nächste Reise in die Freiheit des Pilgerns.

 

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