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Heimerziehung in der DDR : Auf Hilfe aus dem Fonds weiter warten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Thomas Penkow hat seine Kindheit in DDR-Kinderheimen verbracht / Seit zwei Jahren wartet er auf Gesprächstermin mit der Anlauf- und Beratungsstelle

svz.de von
erstellt am 05.Aug.2014 | 20:49 Uhr

Thomas Penkow wurde in seinem Leben oft enttäuscht. Jetzt hat er Angst, dass es wieder passiert. Dass erst Hoffnungen geweckt und dann wieder zerstört werden. Dass er wieder nichts abbekommt. Der Ludwigsluster würde das nie so sagen, aber es ist an seinem ungläubigen Blick zu erkennen, wenn er erklärt bekommt, dass jeder Anspruchsberechtigte Leistungen aus dem Fonds „Heimerziehung in der DDR“ bekommt. Und an dem leichten Aufleuchten seiner Augen, wenn man diese Aussage mit Nachdruck und aller Überzeugungskraft noch einmal wiederholt.

Schon im Jahr 2012 hatte sich Thomas Penkow an die Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR gewandt. Hintergrund sind seine leidvollen Erfahrungen, die er in DDR-Heimen machen musste. „Als ich drei Jahre alt war, kam ich ins Kinderheim. Erst nach Rostock, später nach Fürstenwalde“, erzählt der heute 65-Jährige. Als Erziehungsmaßnahmen „gab es oft Schläge, kalte Duschen oder Backpfeifen von den anderen Kindern. Ich wurde auch in den Schrank gesperrt.“ Nach Hause durfte er nur selten.

Die Erinnerungen an die Zeit in den Heimen schmerzt den Ludwigsluster noch heute. „Wenn man so etwas durchgemacht hat, vergisst man das nie“, sagt Thomas Penkow. „Eine Stelle, an der man sich hätte beschweren können, gab es nicht.“ Jetzt hofft er auf Hilfe aus dem Fonds „Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 bis 1990“, die die Folgen seiner Heimaufenthalte mildern könnte. „Doch obwohl ich mich als einer der Ersten an die Anlauf- und Beratungsstelle gewandt habe, ist bislang nichts passiert“, sagt Thomas Penkow. Dabei hatte es in einem Schreiben von Februar 2013 bereits geheißen: „Da Sie sich bereits sehr frühzeitig gemeldet hatten, gehe ich davon aus, dass ich Ihnen etwa Mitte dieses Jahres einen Terminvorschlag machen kann.“ Doch statt eines Termins kam in diesem Frühjahr das nächste Schreiben, in dem weiter um Geduld gebeten wird. Die für den DDR-Heimfonds zur Verfügung gestellten Mittel in Höhe von 40 Millionen Euro seien aufgebraucht. „Wir haben die Betroffenen schriftlich darüber informiert, damit sie nicht denken, wir hätten sie vergessen“, sagt Anne Drescher, die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in MV. Denn diese Erfahrungen hätten sie zuvor schon oft in ihrem Leben machen müssen.

Inzwischen ist die Fortführung des Fonds gesichert. „Das Bundeskabinett hat am 9. Juli beschlossen, den Fonds aufzustocken“, betont der CDU-Bundestagsabgeordnete Dietrich Monstadt gegenüber SVZ. „Jeder Betroffene, der anspruchsberechtigt ist, kann darauf vertrauen, Leistungen aus dem Fonds zu bekommen.“

An die Anlauf- und Beratungsstelle MV haben sich bislang rund 2200 Betroffene gewandt. „Und es kommen täglich weitere hinzu“, so Anne Drescher. Sie könne die Ungeduld durchaus verstehen. „Aber wir haben hier kein normales Antragsverfahren, das nach einem halbstündigen Gespräch entschieden ist.“ Nach einem ersten Beratungsgespräch, dem häufig weitere folgen, beginnen die Mitarbeiter ihre Recherchen. Warum ist die Heimeinweisung durch die Jugendhilfe erfolgt? Was ist vorgefallen? „Für die Schicksalsklärung ist es wichtig, in den Akten nachzulesen“, so Anne Drescher. Viele Betroffene erfahren so zum ersten Mal, dass sie mit ihrem Schicksal ernst genommen werden. Aber das erfordert Zeit, zumal die vier Mitarbeiter der Anlaufstelle MV bei Bedarf auch zu den Betroffenen ins Land hinaus fahren. Die Reihenfolge richtet sich nicht strikt nach dem Zeitpunkt der Meldung. Ältere – Jahrgang 1939 und älter – und sehr kranke Menschen werden vorgezogen. „Damit sie es noch selbst erleben, dass ihnen geholfen wird“, so Anne Drescher. Bislang haben in MV knapp 400 ehemalige Heimkinder Leistungen aus dem Fonds bekommen.

Wer seine Ansprüche noch nicht angemeldet hat, kann das nachholen. „Stichtag ist der 30. September 2014“, betont Anne Drescher. Die Meldung könne schriftlich, telefonisch oder per E-Mail erfolgen.

Auch Thomas Penkow will weiter Geduld haben. „Im nächsten Frühjahr frage ich mal wieder nach“, sagt der 65-Jährige, der schwerbeschädigt ist und von einer kleinen Rente leben muss. Sie ist verhältnismäßig gering, weil er als „Bewohner eines Rehabilitationsheimes der Nervenklinik lange Jahre für wenig Lohn eine schwere Arbeit verrichten musste“. Zudem wurde er bereits im Alter von 43 Jahren erwerbsunfähig. Eine finanzielle Hilfe würde ihm daher sehr helfen, so Thomas Penkow.

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