zur Navigation springen
Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

20. November 2017 | 22:24 Uhr

Zum Gedenken : Auf den Spuren des Todesmarsches

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Die Pilger wollen nicht anklagen, denn „all das Gute sollte zählen, nicht das Böse“

von
erstellt am 02.Mai.2015 | 12:00 Uhr

Fein in das Holz geschnitzt sind die Linien einer Jakobsmuschel. Es ist eine besondere Muschel, eine Pilgermuschel und der Stab aus dem Holz eines Haselnussbaums ist ein Pilgerstab. Wilhelm Reichel, Regionalbeauftragter der Deutschen Jakobus-Gesellschaft, hat ihn von seiner Tochter bekommen. Vor vielen Jahren ist er nach Santiago de Compostela gepilgert. Auch jetzt pilgert er wieder, denn erst morgen, am 3. Mai, endet seine Reise, enden seine „Lebendigen Begegnungen auf dem Weg des Todesmarsches“ von Ravensbrück nach Raben-Steinfeld. Gemeinsam mit Horst Schröter, Pastor der Kirchgemeinde Peckatel-Prillwitz, und Uwe Seppmann, Diakon des christlichen Gästehauses in Loiz bei Sternberg, hat er diesen Weg vorbereitet. Insgesamt 170 Kilometer legen die Pilger und Mahner auf ihrem Weg nach Raben-Steinfeld zurück. „Wir gehen gegen das Vergessen, für das Erinnern, sind aber keine Ankläger“, verdeutlicht Wilhelm Reichel, seinen Pilgerstab fest in der Hand.

Auch in Goldberg machen die Pilger Halt. Werden freundlich empfangen und durch die Stadt geführt. Unter ihnen befindet sich Oded Norkin aus Michigan, geboren in Israel. Ihn bewegt die Geschichte vom Todesmarsch der Frauen aus dem KZ Ravensbrück besonders – er ist jüdischen Glaubens. Ihm zu Ehren wird beim Vespergebet in der Katholischen Kirche Goldberg das Friedenslied „Shalom Aleichem“ gesungen. „Wir singen es auf Hebräisch, damit Oded ebenfalls mitsingen kann“, sagt Uwe Seppmann. Es ist ein Moment der Gänsehaut, des Innehaltens, des Erinnerns. Denn einst war das Haus in der Jungfernstraße eine Synagoge.

Auch Frank Dressel aus Schwerin will erinnern. Deshalb erzählt er auf dem Goldberger Friedhof am Gedenkstein für Karl Bichel die Geschichte seines Großvaters Karl Dressel. Denn ihn ereilte wie Karl Bichel vor 70 Jahren dasselbe Schicksal. „Mein Großvater war ebenfalls auf der Kap Arkona, als das Schiff von den Briten beschossen wurde und unterging“, erzählt er. Auch an ihn wird erinnert als eines der Opfer des Zweiten Weltkrieges.

Mit einer gemeinsamen Schweigeminute auf dem Goldberger Friedhof geht die Pilgerreise an diesem Abend zu Ende. Auch ein Gebet wird gelesen – „Friede den Menschen, die bösen Willens sind.“ „Es ist ein anonymes Gebet, gefunden im Frauen-KZ-Ravensbrück“, erklärt Pastor Horst Schröter. „All das Gute sollte zählen, nicht das Böse. Und in der Erinnerung unserer Feinde sollten wir nicht als ihre Opfer weiterleben“, heißt es in dem Gebet. Auch Wilhelm Reichel betont es immer wieder. Er wolle nicht anklagen, aber erinnern. Deshalb pilgere er, deshalb hält er seinen Pilgerstab fest in seiner Hand. Das Symbol für Rom ins Holz geschnitzt – ein Schlüssel. Und den Friedensgedanken im Herzen.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen