Für Ganztagsschule neue Wege gefragt : "Auch Lehrer müssen flexibler werden"

 <strong>Gisela Hög: Zu viele alte</strong> <strong>Lehrer</strong> und Angebote der Ganztagsschule ohne zusätzlich eingesetzte Honorarkräfte nicht umsetzbar <foto>ilja baatz</foto>
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Gisela Hög: Zu viele alte Lehrer und Angebote der Ganztagsschule ohne zusätzlich eingesetzte Honorarkräfte nicht umsetzbar ilja baatz

Um das Ganztagsschulen zu erhalten, sei Umdenken gefragt, sagt die Goldberger Schulleiterin Gisela Hög. Sie unterstützt den Plan von Bildungsminister Brodkorb, als Schule selbst Honorarkräfte verpflichten zu dürfen.

svz.de von
03. Januar 2013, 11:10 Uhr

goldberg | Um an Schulen für Entspannung zu sorgen, hatte Landesbildungsminister Mathias Brodkorb vor kurzem unter anderem vorgeschlagen, vermehrt Vertretungslehrkräfte einzustellen, die jedoch nicht den Unterricht in Hauptfächern übernehmen, sondern hauptsächlich fest angestellte Lehrer zum Beispiel von außerunterrichtlichen Tätigkeiten entlasten sollen. Kritiker hingegen glaubten in dem Plan zu erkennen, dass das Bildungswesen durch ihn erheblich geschwächt werde und entwickelten die Formel "Kultur statt Unterricht", die ihre Bedenken auf den Punkt bringen sollte.

Als Leiterin der Goldberger Walter-Husemann-Schule - eine so genannte "volle Ganztagsschule" - ist Gisela Hög längst nicht mit allem einverstanden und äußert Kritik offen. Den beschriebenen Vorstoß des Ministers sieht sie allerdings nicht zuletzt nach einem persönlichen Gespräch mit ihm zu Unrecht verurteilt: "Er bedeutet ganz klar nicht, dass niemand mehr auf Lehramt studieren muss, auch wenn jetzt gern gesagt wird, dass zusätzlich eingekaufte Lehrer die anderen ersetzen sollen. Momentan gängige Erfahrung ist folgende: Als Leiter melde ich beim Schulamt den Bedarf für einen neuen Lehrer im nächsten Jahr an. Die Stelle wird ausgeschrieben - aber es meldet sich niemand, was auch ich schon selbst erlebt habe. Jetzt muss die Schule einen undenkbaren Spagat hinlegen. Die Lehrer übernehmen zusätzlich zu ihrer eigenen Unterrichtsverpfichtung die Stunden für die Kraft, deren Stelle trotz landesweiter Ausschreibung nicht besetzt werden konnte und die Vertretung für erkrankte Kollegen. Da kommen sie nicht zuletzt auch wegen der fast überall vorherrschenden Überalterung an ihre körperlichen Grenzen."

Eine Möglichkeit für den Leiter bestehe darin, einen Seiteneinsteiger einzustellen, der zwar parallel zur Arbeit seine pädagogische Ausbildung durchlaufen müsse, aber erst einmal helfen könne. Zudem sei bei einem Lehrer 50 Prozent Handwerk und die andere Hälfte Charisma, das man nicht erlernen kann, wobei sich die Qualität unter Umständen erst nach Verstreichen einer gewissen Zeit beurteilen lasse. Gisela Hög stehe mit dem Arbeitsamt in Verbindung, schließt mittlerweile aber auch die Einstellung eines Seiteneinsteigers nicht mehr aus. Ganztagsschule lasse sich nur verwirlichen, wenn die Einrichtungen ausreichend Personal sowohl für den Pflichtunterricht als auch ihre zusätzlichen Angebote zur Verfügung haben. "Wer Ganztagsschule ernst nimmt, ist schon jetzt verpflichtet, Externe einzukaufen. Mit Glück gibt es Förderung - etwa über Schule plus (ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und des Landes Mecklenburg-Vorpommern, d. Red.)- aber einen Antrag zu schreiben, der Aussicht auf Erfolg haben soll, kommt einer wissenschaftlichen Abhandlung gleich und dauert schnell mal sechs Stunden", so die Leiterin "Ich halte mich in diesem Punkt für relativ geübt, habe jedoch trotzdem auch schon mehrfach eine Ablehnung kassiert."

Um an Mittel der EU zu gelangen, reiche der Goldberger Schulverein seit sieben Jahren Projekte ein, die Lehrer oder Externe leiten. Partner sind außerdem der TSV und der Jugendförderverein Parchim. EU-Mittel für die Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendstiftung laufen allerdings aus. Langzeitprojekte müssten daher künftig anders organisiert und finanziert werden, eventuell durch Stiftungen. Die ebenfalls diese Probleme aufgreifende Gesprächsrunde bei Brodkorb bezeichnet Gisela Hög auch aus dem Grund als sehr gut, weil sie frei von Ironie gewesen sei: "In solch einen Austausch gehe ich kritisch, aber dieser Mann zeigte sich sehr bodenständig und interessiert daran, mit den Lehrern ehrlich reden zu wollen - im Gegensatz zu schon erlebten Runden, bei denen viel versprochen wurde und absolut nichts herauskam."

Brodkorb versuche, Lehrkräfte für den Pflichtunterricht zu bekommen, indem sie nicht mehr in den Ganztagskursen gebunden sind. Deshalb sei es klug, wenn man der Schule gestatte, sich selbst Kräfte zu suchen, die fehlen. Daraus könne sich allerdings auch ergeben, dass Lehrer für den Pflichtunterricht an einer anderen Schule zur Verfügung stehen müssen. Sich eine möglicherweise daraus ergebende Versetzung werde erfahrungsgemäß jedoch nur schwer angenommen. "Aber wir sind Landesangestellte, keine kommunalen. Und was geschieht in einer großen Firma?", so Gisela Hög. "Schule kann sich gewissen kaufmännischen Grundsätzen nicht mehr verschließen. Vor dem Hintergrund, dass Lehrerschaften zu fast 100 Prozent überaltert sind, müssen sie flexibel werden, die Bindung an einen Ort darf kein Gesetz sein. Und ein Kollegium muss alle Lehrer - auch die Honorarkräfte - vereinen." Gleichzeitig gebe es aber auch schon viele alte wie junge Kollegen, die an drei oder vier Schulen gleichzeitig in einer Woche tätig sind, was für sie selbst wie die Kinder unverantwortlich sei. Die neue Regelung könne dazu führen, eine Lehrkraft nicht an mehreren Schulen einzusetzen, sondern sie klar einer Einrichtung zuzuordnen. Die aktuellen Zahlen frage das Ministerium ab, um einen Überblick zu bekommen, welche Ressourcen im Land vorhanden sind.

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