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Bärenwald Müritz : Auch Bären müssen mal zum Zahnarzt

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Erster „Zahn-Check“ des Jahres 2013 und keine Schmerzen mehr: Der Zahnarzt Dr. Marc Loose hat im Bärenwald Müritz die Braunbären Siggi und Tapsi in mehrstündigen Operationen behandelt. SVZ war dabei.

svz.de von
erstellt am 26.Apr.2013 | 07:20 Uhr

STUER | Siggi ist 20 Jahre alt, wiegt rund 230 Kilo und er weiß: An diesem Vormittag ist irgendetwas im Busch. Ja, Braunbären haben eine feine Nase für so etwas. Auch - oder vielleicht gerade - wenn sie wie Siggi aus einem winzigen Wildgehege in einen Bärenwald mit viel Platz für Auslauf, Höhlen und (Bade-) Teichen umgezogen sind. 2012 im September war’s, als das Braunbär-Männchen aus dem Wildgehege Hellenthal in der Eifel nach Stuer kam - aus schlechter Haltung mit nicht artgerechter Ernährung in ein kleines Bärenparadies. Hier in der Region heißt es Bärenwald Müritz und ist ein Projekt der Tierschutzorganisation "Vier Pfoten". Hier können Siggi und gegenwärtig weitere 15 Braunbären ihre Instinkte wiederentdecken und ihr natürliches Verhalten ausleben - umherstreifen, sich zurückziehen, Höhlen graben oder im Teich baden. Eben Bär sein.

Gestern durfte Siggi all das nicht. Gestern war er dran! Zwei Ärzteteams, am Vorabend beziehungsweise am Morgen angereist, werden Siggis Zähne (und später auch die der 22-jährigen Braunbär-Dame Tapsi) behandeln: Dr. med. vet. Frank Göritz mit seiner Mannschaft vom Leibnitz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin (IZW) und Dr. Marc Loose, Zahnarzt aus Hamburg. Göritz weiß, was auf sein Narkoseteam zukommt. Es ist für die Betäubung des Bären zuständig, für die Narkose und die Narkoseüberwachung während der Behandlung. Was er noch nicht weiß: Die wird an diesem Tag gut drei Stunden dauern. Loose, der seit 2006 für die Tierschutzstiftung "Vier Pfoten" arbeitet und schon viele Behandlungen an Bären und sogar Löwen vorgenommen hat, kann nur ahnen, dass mit Siggis Zähnen einiges im Argen ist. "Bären aus nicht artgerechter Haltung haben oft Karies, sehr ausgeprägte sogar", weiß der 47-Jährige. Statt typischer Bärennahrung bekämen die Tiere oft Weißbrot, im schlimmsten Fall sogar Zuckerwasser. Über Jahre. Andere Bären - solche, die in Käfigen gehalten werden - beißen unablässig in die Gitter. Das eine wie das andere hält auf Dauer kein Zahn aus. Auch der von Bären nicht.

Bärenmann Siggi ist nervös. Er will raus aus dem Käfig, in dem er schon am Morgen separiert wurde. Aber das geht nicht. Dr. Göritz nimmt das Blasrohr mit dem vorbereiteten Betäubungspfeil und schießt. Siggi schaut, aber nichts passiert. Fehlversuch. Göritz wartet zehn Minuten. Doch auch jetzt tut das Mittel seine Wirkung nicht. Ein zweiter Pfeil wird präpariert. Und diesmal sitzt er. Siggi, der gerade noch mit den Krallen die Käfigstäbe bearbeitet hat, sackt zusammen. Zehn Minuten, dann ist er "weg". "Die Phase zwischen Betäubungsschuss und Narkose ist die kritischste", erklärt Dr. Göritz währenddessen. Zu wenig Betäubungsmittel und das Tier erwacht, bevor es festgebunden auf dem OP-Tisch liegt und die Narkose wirkt. Doch gestern läuft alles glatt. Siggi, den acht "Mann" erst aus dem Gehege und dann auf den extrabreiten OP-Tisch hieven müssen, schläft. Nichts wird er von seiner ersten Zahnbehandlung mitbekommen.

Als die nach fast anderthalbstündiger Vorbereitung beginnt, kommen Marc Loose und Ehefrau Sabine, die ihm assistiert, schnell ins Schwitzen. "Alle vier Fangzähne sind ziemlich angegriffen", stellt der Spezialist auf dem Gebiet der Wildtierzahnmedizin beim ersten Blick in das Maul des Tieres fest. Bei Braunbären sind die normalerweise 10 bis 15 Zentimeter lang - bei Siggi sind nur noch Zahn-Stümpfe zu sehen. "Wir werden die Karies behandeln und die Wurzelkanäle, um sie zu erhalten." Das ist das Ziel. Sauger, Bohrer, wieder Sauger, wieder Bohrer - der Hamburger hat seine mobile Praxis samt Röntgenapparat dabei. Er schwitzt, während Siggi friedlich schlummert. Nach drei Stunden, in denen das Narkoseteam von Dr. Göritz die Vitalfunktionen des Bären überwacht und nachjustiert, steht fest: Zwei Wurzeln müssen warten, sind beim nächsten Mal dran. Siggi geht es gut. Er bekommt Antibiotika und Schmerzmittel. Doch er muss ins Gehege zurück. Bevor er aus der Narkose erwacht. Dann wird sich der viereinhalb Zentner schwere Bursche wahrscheinlich schütteln und Sohn Balu begrüßen - so, als wenn nichts gewesen wäre.

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