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Grabungstechnikerin erzählt : Archäologische Sicht auf Kraftorte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Langjährige Grabungstechnikerin sprach im Wangeliner Garten über ihre persönlichen Erfahrungen und Einsichten

svz.de von
erstellt am 22.Mär.2017 | 11:45 Uhr

Der Begriff „Kraftorte“ wird aktuell gern als „esoterisch“ angesehen und bestenfalls belächelt. Während ihrer langjährig beruflichen Tätigkeit als ausgebildete Grabungstechnikerin der Römisch-Germanischen Kommission vom Deutschen Archäologischen Institut (zuständig für den Erhalt sämtlicher Bodendenkmale) hat Antje Zimprich allerdings immer wieder für sich festgestellt, dass „mehr dahinter stecken muss“. Gegraben hat sie dabei sowohl eigenhändig an etlichen Kraftorten u.a. im Rheinland sowie auf ihrer Heimatinsel Rügen, als auch zerstörungsfrei in weltweiten Veröffentlichungen. Auch ist sie mit ihrer Familie gezielt auf Reisen gegangen. Im Lehmhaus des Wangeliner Gartens folgten mehr als 30 Interessierte ihrer Einladung, sich selbst eine Meinung zu bilden.

Seit sie beschloss, sich vorerst mehr dem Verstehen zu widmen als dem aktiven Graben, habe sie erschreckend oft feststellen müssen, dass menschliche Hinterlassenschaften unwiederbringlich vernichtet wurden, welche zuvor Jahrtausende überdauerten, bemerkte Antje Zimprich gleich zu Beginn ihres Vortrags und führte als Beispiel die gerade hierzulande häufige Sprengung von Großsteingräbern an – zunächst zum Kirchenbau, später für Straßen und verstärkt seit 150 Jahren sogar unter dem Vorwand archäologischer Erforschung. „Sensationsfund an der A11“ hatten Medien vor zwei Jahren überschwänglich gefeiert: Denn bei routinemäßigen Voruntersuchungen einer Brandenburger Autobahnbaustelle unweit der Landesgrenze zu MV waren per modernstem Bodenradar aus Findlingen gelegte Schiffsformen, eine 100-Meter-Allee und riesige stilisierte Speichenräder entdeckt worden, außerdem 39 Urnen aus der vorrömischen Eisenzeit. In einer sogenannten Steinkiste aus tonnenschweren Brocken fanden sich obendrein Gebeine wesentlich älteren Datums, die nahelegen, dass das Quellgebiet des Flüsschens Randow länger als 5000 Jahre besiedelt sein musste. Alles zusammen spreche dafür, dass jener Ort den dort einst lebenden Menschen über sehr, sehr viele Generationen heilig gewesen sei, meinte Antje Zimprich. Nichts desto trotz habe das über 6000 Quadratmeter umfassende, zufällig neu entdeckte Bodendenkmal inzwischen einem profanen Regenrückhaltebecken weichen müssen.

Weiter führte Antje Zimprich aus: Es ginge ihr um nicht mehr aber auch nicht weniger als dass „jeder für sich selbst prüfe“, ob beispielsweise örtliche Sagen tatsächlich nur Märchen seien oder doch möglicherweise „die letzten Reste mündlicher Überlieferungen“ aus Zeiten ohne schriftliche Hinterlassenschaft? Schliemann, der Vater der modernen Archäologie, jedenfalls war davon überzeugt und fand bekanntlich Troja.

So kursiert in der Prignitz von alters her die Legende vom mächtigen und beliebten König Hinz, der nach seinem Ableben gemeinsam mit Ehefrau und treuer Dienerin in einem gewaltigen Grabhügel bestattet worden sei, und zwar in einem dreifachen Sarg mit prächtigen Gaben. 1899 stießen Arbeiter beim Gewinnen von Baumaterial in Seddin bei Perleberg tatsächlich auf eine üppig ausgestattete Steinkammer mit verschiedenen Gefäßen, von denen drei Leichenbrand nebst etlichen Schmuckbeigaben enthielten.

Obwohl von den geborgenen Fundstücken über die Jahrzehnte und zwei Weltkriege vieles verloren ging, erbrachten jüngste archäologische Nachforschungen weitere Sensationen wie die genaue Datierung anhand zweier unscheinbarer Nadeln aus Eisen, und zwar auf etwa 800 vor Christi, als sich Nordeuropa im Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit befand.

„Kraftorte“ werden vielfach zugleich als „magisch“ oder „mythisch“ charakterisiert und dort auftretende Phänomene gar „Wunder“ genannt. Manche Menschen suchen dabei ihren ganz persönlichen Kraftplatz (zum Teil mit traditionsreichen Methoden wie Feng Shui oder Geomantie), weil sie sich – naturwissenschaftlich (noch) nicht vollständig geklärte – Wirkungen erhoffen, die u.a. ihrem Wohlbefinden förderlich seien. Bad Wilsnack mit seinen bis heute anerkannt medizinisch wirksamen Heilquellen stelle übrigens genau solch einen Kraftort dar, der in seiner Historie dem weltberühmten Pilgerziel Santiago de Compostela ebenbürtig war, merkte Antje Zimprich dazu an.

 



 

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