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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

15. Dezember 2017 | 18:57 Uhr

Veranstaltung : Als „Mäuschen“ im Kanzleramt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Der Dresdner Kabarettpreistäger Joachim Zawischa gastierte als kultureller Höhepunkt im Mehrgenerationenhaus.

Der Koch betritt den Raum, wetzt sein Küchenmesser, blickt sich um: „Raus! Sie haben hier nichts zu suchen!“ Die Angesprochenen fühlen sich aber nicht angesprochen, schmunzeln, warten, was da noch so kommt. Der Koch sinniert: „Sind Sie Freunde von Ackermann?“ Dann weiß er es. Die Leute, die da in seiner Kanzleramtskantine sitzen, gehören zu einer von diesen Besuchergruppen und sind offenbar „vergessen“ worden. „Wo ist ihr Führer?“ fragt der Küchenchef. Alle lachen.

So beginnt Kabarettist Zawischa sein Programm und hat das Publikum im Mehrgenerationenhaus (MGH) Lübz von Anfang an auf seiner Seite, zwei Stunden lang, Pause und Zugaben nicht mitgerechnet. Der Veranstaltungsraum ist voll, Kabarett ist in unseren Zeiten beliebt. Und Joachim Zawischa, Dresdener Kabarettpreisträger, enttäuscht niemanden, auch weil man spürt, dass wiederum er auf der Seite des Publikums steht, es erreichen will, alles gibt.

So professionell sein Auftritt ist, irgendwie bleiben Mensch und Anliegen zwischen den Zeilen immer präsent. Joachim Zawischa ist alles andere als der Typ Brachialkabarettist und weit entfernt von den wertfreien Witzchen der Comedy. Er zeigt sensibles politisches Kabarett im klassischen Sinn. Er hat nachgedacht und das kann nicht schaden.

Programmgemäß beruhigt sich auch Zawischas Alter Ego, sprich, der cholerische Chef der Kanzleramtskantine, und beginnt mit der „Besuchergruppe“ zu plaudern, was heißt, ans Eingemachte zu gehen, selbst der Deckel der Tupperdose der Kanzlerin wird am Ende gelüftet werden und das Geheimnis des Inhalts preisgeben: Streusel sind darin, Lieblingsspeise der Kanzlerin. Fragt sich nur, wer den trockenen Rest des Streuselkuchens bekommt. Zawischas Rahmenhandlung jedenfalls ist geschickt erfunden, darin lässt sich jede Menge Witz, Satire und tiefere Bedeutung unterbringen.


Etikettenschwindel bei Nahrung und Politik


Zwei Themen überragen in seinem Programm: Lebensmittel und Politik. Und innerhalb beider Themen ist es vor allem der Etikettenschwindel, der den Kabarettisten auf die Palme bringt. Die Angabe der Zutaten auf den Nahrungsmittelverpackungen stecke voller Schummeleien, so der Koch. Da werde der Konservierungsstoff Natriumdiacetat zum Säuerungsmittel umdeklariert, räsonniert er. Und: Wenn Zusätze keine „Aufgabe“ in Lebensmitteln haben, dann seien sie zwar drin, gelten aber als „Nicht-Zutaten“. Allein in einer Tütensuppe stecke so viel Know-How wie in einem hochentwickelten Motor. Heute könne die Chemieindustrie aus Federn bereits Quark herstellen und der Genmais wurde von der Kanzlerin durchgewinkt, obgleich die Mehrheit der Bevölkerung dagegen war.

Koch Zawischa wundert das alles aber nicht, denn schließlich essen die Lobbyisten der Wirtschaft bei ihm, bevor sie zur Kanzlerin gehen. Lobbydruck macht Politik, die Wirtschaft regiert, so wird der Koch am Ende des Programms resümieren und den Begriff „Demokratie“ mit einem Fragezeichen versehen.

Etikettenschwindel gibt es auch in der Politik: Rüstungsexporte, findet der Küchenchef, sollten Waffenexporte heißen. Und wer statt „Mittelkürzung“ vieldeutig „Steuerung der Ausgaben“ sagt oder statt „verschweigen“ die Wendung „nicht aktiv kommunizieren“ wählt, der will Tatsachen verdunkeln, weich spülen, schön färben, so Zawischa sinngemäß. Wer heute wirklich informiert sein wolle, müsse elend lange im Netz recherchieren. Daher ruft der Küchenchef schließlich den Medien zu: „Habt Mut, uns wieder zu informieren.“ Und schreibt der Politik ins Stammbuch: „Ich will einer Regierung vertrauen können, dass sie das Volk vertritt, nicht Konzerne und Banken.“

Am Ende der Vorstellung erntet der Kabarettist begeisterten Applaus. Ein wenig scheint er sich davon distanzieren zu wollen. „Passen sie auf einander auf“, sagt er, „es ist kalt geworden...“ Und hinsichtlich des Mehrgenerationenhauses: „Hier wird so viel getan, Einsatz gezeigt. Unterstützen Sie dieses Haus.“






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