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Zeitung für Lübz, Goldberg, Plau

25. November 2017 | 10:49 Uhr

Lübz und Umgebung : Massives Insektensterben

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für Lübz – Goldberg – Plau

Vorsitzender des Imkervereins 1912 Lübz und Umgebung rüttelt erneut mit erschütternden Fakten auf. Neues Insektizid sei ein „Schlag ins Gesicht“.

von
erstellt am 15.Nov.2017 | 06:00 Uhr

2017 geht als das mit Abstand schlechteste Honig-Jahr seit 1997 in die Geschichte ein – nur eine von diversen zerrüttenden Erkenntnissen, mit denen die rund 120 Teilnehmer der 29. öffentlichen Versammlung des Landesverbandes der Imker von Mecklenburg und Vorpommern am vergangenen Sonnabend in Güstrow konfrontiert wurden. „Im Winter 2016/2017 verendeten in unserer Region etwa 40, landesweit durchschnittlich rund 31 Prozent der Bienen. Normal sind fünf“, sagt Uwe Polak, Vorsitzender des Imkervereins 1912 Lübz und Umgebung. Die genannten Zahlen gäben jedoch nicht die Realität wieder: „Die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher, weil längst nicht alle Imker die Entwicklung bei ihnen gemeldet haben. Aus Gesprächen weiß ich, dass bei einigen sogar bis zu 80 Prozent der Tiere verloren gegangen sind.“

Wirklicher Verlust viel höher als jetzt genannt

Der genannte, jetzt bekannt gewordene Verlust im Land bezieht sich auf nur 20 Vereine, offiziell gibt es jedoch 89. Die inoffizielle, noch einmal hinzukommende Zahl von nicht in Vereinen organisierten Imkern ist laut Polak schätzungsweise ebenso hoch. Die wahre Schadenshöhe könne man daher nicht genau einschätzen. Sicher sei auf jeden Fall, dass sie um ein Vielfaches höher als die bekannt gewordene liegt.

Schon die Umrechnung der eindeutigen Werte ist objektiv beurteilt beklemmend. 31 Prozent Verlust – in unserem Raum noch neun Prozent mehr – entspricht dem Tod von 6000 Bienenvölkern und somit 60 Millionen Bienen, deren Anschaffung 750 000 Euro kosten würde. Sie leisten eine Bestäubung im Gesamtwert von rund 15 Millionen Euro – ein Verlust, der sich laut Polak vor allem auf die Landwirtschaft und die Umwelt auswirkt. Dass auf Treffen wie in Güstrow nur die offiziell vorliegenden Zahlen zur Sprache kommen, empfindet der Kreiener als grundsätzlich falsch. Ein Alarmzeichen noch ungeahnter Größe sei, dass auch Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen zehn Jahren rund 70 Prozent aller Fluginsekten verloren hat.

An der Internationalen Bienenkonferenz im März in Berlin, auf der Wissenschaftler aus der ganzen Welt Vorträge über Wild- und Honigbienen hielten, habe kein Behördenvertreter aus Mecklenburg-Vorpommern teilgenommen. „Mehr als traurig, zumal beispielsweise der Bauernverband stets wissenschaftliche Begründungen fordert, wenn wir mit Sicherheit nicht ausgedachte Zahlen vorlegen!“, sagt Polak.

80 Prozent Bestäubung durch Honigbiene

„Dort wäre alles möglich gewesen, Vertreter von 15 bienenwissenschaftlichen Instituten waren vor Ort.“ Kaum in der Öffentlichkeit bewusst: Über drei Viertel der Nahrungspflanzen für die gesamte Menschheit sind auf bestäubende Insekten angewiesen. Rund 80 Prozent davon übernimmt die Honigbiene.

Besonders aktuell ist die Diskussion um die weitere Zulassung des umstrittenen, als krebserregend geltenden Insektizides Glyphosat. „Weil sie Ende Dezember ausläuft, gibt es die Tendenz, das Mittel sofort zu verbieten“, berichtet Polak. Deutschland spiele bei der Entscheidungsfindung „das Zünglein an der Waage“, weil dafür auch die Einwohnerzahl eine Rolle spiele und sich unser Land jüngst erneut der Stimme enthalten habe: „Unverantwortlich!“ Wenn die EU-Länder von sich aus bis Mitte Dezember zu keinem Ergebnis kommen, habe die EU-Kommission bereits mitgeteilt, dass sie die Zulassung vielleicht mit ein paar Einschränkungen um zunächst fünf Jahre verlängern werde. Eine Einigung in Deutschland sieht der Vorsitzende nicht zuletzt wegen politischer Machtspiele in Gefahr, weil Umweltministerin Barbara Hendricks der SPD, Landwirtschaftsminister Christian Schmidt jedoch der CSU angehört. „In meinen Augen sind auch solche Dinge Menschenrechtsverletzungen, weil ich nichts damit erreiche und Fortschritt blockiere“, sagt er.


Rund die Hälfte tot: Nicht bienengefährlich

Wie – so wörtlich – schizophren die gesetzlich korrekte Ausdrucksweise sei, zeige sich zum Beispiel darin, dass ein Pflanzenschutzmittel als für Bienen nicht gefährlich gelte, wenn von 100 ihm ausgesetzten Artgenossen nach wenigen Stunden „nur“ 49 tot sind – also minimal weniger als die Hälfte. Über Spätfolgen und Wechselwirkungen mit anderen Mitteln, die hochgiftig sein und die anderen vernichten könnten, kläre niemand auf.

Sterben die Bienen, gilt dies auch für die Menschen, die ohne die Bestäubungsleistung nicht überleben können. Polen habe ein neues Pflanzenschutzmittel zum Beizen von Raps herausgebracht, das höchst bienengefährlich sei, was der Hersteller selbst mitteile. Trotzdem wurde der Nachfolger der so genannten Neonikotinoide, die die Tiere massenhaft sterben ließen, zugelassen: „Ein Schlag ins Gesicht!“

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