Engagement in der Flüchtlingshilfe : Agentin mit Herz und viel Courage

Anne Sarah Schönemann - einst Schauspielerin, heute Schauspiel-Agentin - lehrt Flüchtlinge in Parchim Deutsch.
Anne Sarah Schönemann - einst Schauspielerin, heute Schauspiel-Agentin - lehrt Flüchtlinge in Parchim Deutsch.

Anne Sarah Schönemann lebt seit anderthalb Jahren in Plau / Sie lässt Flohmarkt-Traditionen aufleben und unterrichtet Flüchtlinge in Parchim

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27. Januar 2016, 12:00 Uhr

Dicke Ordner drängeln sich im Regal. In Versalien tragen sie Vornamen auf den Rücken - Vornamen von Klienten. Seit Anne Sarah Schönemann vor etwas mehr als drei Jahren ihren Sohn zur Welt brachte, steht sie nicht mehr selbst vor der Kamera. Die junge Frau, die ihre Wurzeln im Ruhrgebiet hat, die es beruflich und privat schon nach Hamburg, Berlin, Köln und Flensburg verschlagen hatte und die vor knapp sechs Jahren aufs Land im Plauer Gürtel zog, führt heute ihre eigene Schauspieler-Agentur. Den Trubel am Set vermisst sie so gar nicht. Gern lässt sie ihre Kreativität an der Nähmaschine raus, liebt ihre neue Profession, die ländliche Idylle und natürlich ihren Sohn, das kleine, quirlige Sternchen in ihrem Leben.

Anne Sarah Schönemann ist (Schauspiel-)Agentin aus Leidenschaft. Seit wenigstens anderthalb Jahren beweist sie, dass sie auch Agentin mit Herz ist, die außerhalb des Schauspielfachs etwas bewegen will. Damals war die 34-Jährige vom Dorf nach Plau gezogen. Für die geübte Großstadtpflanze ist der Luftkurort noch immer ländlich genug. Vor allem aber ist er nicht so schnell wie Berlin, nicht so laut wir Hamburg oder Köln. Und einfach ideal für ihren Sohn, mit dem sie umliegende Wälder erkunden kann, statt mit ihm (großstadtlike) zum Yoga zu gehen.

Dass Städte, auch Großstädte wahre Horte für Flohmärkte sind, wusste Anne Sarah aus Kindheit und Jugend. Als sie hörte, dass es einst auch Plauer Flohmärkte gab, suchte sie den Kontakt zum Kinder- und Jugendzentrum (KiJUZ) und belebte die alte Tradition. „Flohmärkte halte ich für wirklich sinnvoll. Einmal wachsen die Kleinen viel zu schnell aus ihren Sachen raus und oft hat man zuviel, selbst Spielzeug“, weiß die junge Mutti aus eigenem Erleben. Aus dem (nicht zaghaften) Versuch, Plaus Flohmarktmotor per Flyer, mit Kaffee und Kuchen wieder anzukurbeln, ist längst eine eingeschworene Stände-Gemeinde geworden, die per WhatsApp kommuniziert und im Frühjahr und Herbst zum Stöbern ins Plauer KiJuZ einlädt. „Wir brauchen ein Angebot für Menschen, die nicht so mobil sind und nicht soviel Geld haben“, sagt Anne Sarah, „ein Angebot, das Plau vielleicht ein Stückchen besser macht.“ Der nächste Flohmarkt ist bereits für Anfang März geplant.

Als vor einem halben Jahr erste Kommunen im Landkreis aufgefordert waren, Flüchtlinge – Männer, Frauen, Kinder, Familien – aufzunehmen, war Parchim darunter. Für Plau, damals noch in der Warteschleife, war die „Flüchtlingsproblematik“ weit weg. Nicht für die Ruhrpottlerin. Bei einer Veranstaltung im Wangeliner Garten begegnete sie erstmals Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen waren, in einer Parchimer Unterkunft wohnen und darauf hoffen, nicht abgeschoben zu werden. Es sei ein einschneidender Abend gewesen, „an dem diese Menschen ihre erschütternden Geschichten erzählten, Geschichten, in denen es um Leben und Tod ging, u menschliches Leid, familiäre Tragödien“, sagt Anne Sarah. Es war auch jener Abend, als ihre Mutter Heike Hartung und sie für sich beschlossen, diesen Menschen zu helfen. „Seitdem fahren wir zwei mal in der Woche nach Parchim, um den Flüchtlingen Deutsch beizubringen und ihnen bei ganz alltäglichen Dingen und, was ganz wichtig für sie ist, bei ihrer amtlichen Post zu helfen“, erzählt Anne Sarah. Anfangs seien es mehr die Frauen, die Mütter gewesen, die das Angebot annahmen. Ob das am Vertrauen lag, an Vorurteilen, das weiß sie nicht. Inzwischen kämen auch immer mehr Männer in ihren Unterricht. Iraner, Afghanen und Ukrainer… „Es hat sich eine kleine Gruppe aus Flüchtlingen gebildet, die noch keinen Status und deshalb keinen Anspruch auf amtlichen Deutschunterricht haben“, erzählt die Plauerin und empfindet die Bekanntschaften, aus denen sich manche Freundschaft entwickelte, als menschliche Bereicherung. „Oft sind wir schon zum Essen oder gemeinsamen Kochen eingeladen worden, manchmal laden wir ein. Es ist schon toll und eins kann ich sagen, diese ,ausländischen‘ Küchen können wirklich ein Gedicht sein.“

Sie engagiere sich nicht aus politischen Motiven, sie mache das aus menschlicher Überzeugung, gesteht Anne Sarah, hatte selbst aber Freunden lange nichts von ihrem Engagement erzählt. Dennoch wisse sie, dass auch andere sich fragen, was sie in dieser heutigen Situation tun könnten. „Ich denke, es müssen gar nicht immer die großen Gesten sein. Vielmehr bin ich im letzten halben Jahr immer mehr zu der Überzeugung gekommen, dass es vor allem zwei Dinge sind, die diese Menschen brauchen, und das sind Aufmerksamkeit und Respekt.“ Die Flüchtlinge kämen aus anderen Ländern, hätten eine andere Geschichte, andere Kulturen. Aber sie wollen eines, wahrgenommen werden und stattfinden. „Aber wie sollen sie uns und Deutschland kennenlernen, wenn wir sie nicht integrieren, wenn wir sie nicht in unserer Leben lassen“, fragt die junge Frau.

Wie das Thema Flüchtlinge in den Medien behandelt werde, wie die Politik sich der Problematik annehme, sei in ihren Augen viel zu verkopft. „Ich verstehe auch nicht alles. Doch ich denke ein wenig mehr Geduld, Verständnis und Menschlichkeit wären gut“, sagt Anne Sarah und ist sich bewusst, dass dazu längst nicht alle Menschen – Männer, Frauen, Kinder, Familien – in Deutschland bereit sind. Darum sagt sie: „Öffnet Eure Herzen, reicht eine Hand – wieviel ist egal!“

Sie wolle in keiner Stadt, keinem Land leben, in denen Menschen nicht mit Respekt begegnet werde. „Ich habe eine klare Meinung zu den Vorkommnissen in Köln, ebenso zu kriminellen Flüchtlingen und Asylbewerbern. Natürlich müssen diese Verfehlungen klar benannt werden. Ich kann nur sagen, die Flüchtlinge, von denen viele eine abgeschlossene Ausbildung haben und die viel mitbringen und geben wollen, bereichern unser Land. Und während viele von uns Gleichberechtigung und Lebensstandard gar nicht mehr zu schätzen wissen, wollen diese Menschen einfach nur in Frieden leben.“

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