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Zeitung für die Landeshauptstadt

23. November 2017 | 04:58 Uhr

Erfolgsgeschichte : Zurück ins Leben gekämpft

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heike Sy lag vor zehn Jahren nach einem schweren Verkehrsunfall im Koma: Leezener Ärzte halfen der Frau aus Boizenburg

svz.de von
erstellt am 29.Dez.2015 | 15:50 Uhr

Wenn Heike Sy heute die Leezener Klinik betritt, ist das für die 61-Jährige wie ein Nach-Hause-Kommen: „Hier habe ich mich zurück ins Leben gekämpft – mit ganz vielen, lieben Helfern an meiner Seite.“

An ihre erste Ankunft in der Helios-Klinik hat die Boizenburgerin allerdings keine Erinnerungen. Denn Heike Sy hatte einen schweren Verkehrsunfall am 8. Dezember 2005 gerade so überlebt. Im Koma liegend wurde sie nach Leezen gebracht. „Hier bin ich nach sieben Wochen aus meinem Tiefschlaf erwacht.“ Und mehr noch: In Leezen ist Heike Sy wieder auf die Beine gekommen – im wörtlichen und im übertragenen Sinne.

Dabei war die Diagnose nach dem Unfall niederschmetternd: Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades, Lähmungen auf der linken Körperseite, langfristige neurologische Störungen. Doch jeder, der Heike Sy heute sieht und zuhört, kann das kaum glauben. Als Gehhilfe nimmt die 61-Jährige lieber den Stock als den Rollator. Und wenn sie ihre eigene Geschichte erzählt, kommen die Worte zumeist flüssig über die Lippen.

„Ich wollte, ich musste so schnell wie möglich raus aus dem Bett. Das war mein erster Gedanke, als ich die Augen wieder aufschlug“, hebt sie hervor. Aussprechen konnte sie den nicht. Denn Heike Sy hatte auch ihre Stimme verloren. Doch vom ersten Tag an wurden in der Leezener Klinik nicht nur die Wunden der schwer verletzten Frau versorgt. Neben Ärzten und Pflegern standen sofort Therapeuten und Psychologen am Krankenbett. Heike Sy fragte sich: Was ist noch da in meinem Kopf? Was kann ich überhaupt noch? Und auf genau diese Fragen suchten auch die Profis Antworten. Vor allem die Gespräche mit der Psychologin machten der willensstarken Patientin Mut. Die erste Kommunikation erfolgte über Blicke, dann kamen Laute und Handzeichen hinzu. Heike Sy wollte kein „Pflegefall“ sein. „Ich wollte mich unbedingt allein waschen – und bin dabei aus dem Bett gefallen.“

Doch endlich ging es vom Bett aus in den Rollstuhl. Und vom Rollstuhl an den Rollator. Auch wenn jeder neue Schritt schwer fiel. Parallel dazu lernte Heike Sy das Sprechen neu. Hierbei hatte die Boizenburgerin in der Leezener Klinik eine Verbündete, die ihr besonders ans Herz gewachsen ist: Klangtherapeutin Nicole Becker. „Vor allem die Töne der Klangschalen haben mir geholfen, meine Stimme wiederzufinden“, sagt Heike Sy, die bis heute per Telefon Kontakt zu Nicole Becker hält.

Fast ein Jahr lang war die Boizenburgerin Patientin in der Leezener Klinik. Danach ging es für weitere Monate in die Hamburger Berufs-Unfallklinik. „Ich wollte ja wieder arbeiten“, betont die Ingenieur-Ökonomin und Betriebswirtin. Doch für die Rückkehr in den Beruf reichte es nicht – trotz aller Anstrengungen und täglicher Therapie-Übungen. Jeden Tag an ihrer Seite hat Heike Sy dabei ihren Lebensgefährten Wilfried Kammann. Das Paar hatte sich bereits für den gemeinsamen Lebensabend eingerichtet – trotz einer schweren Erkrankung auch bei Wilfried Kammann. Heike Sy hat sich aber eine neue Aufgabe gestellt. „Ich möchte ein Buch schreiben und anderen helfen, wieder ein Mensch zu werden.“ So bezeichnet die 61-Jährige ihre eigene Rückkehr ins Leben. Dass sie dafür ein Beispiel, ja Vorbild sein kann, hat Heike Sy während einer Therapiesitzung vor knapp zwei Jahren in Hamburg erfahren. Das war unmittelbar nach dem Skiunfall von Michael Schumacher. Ein Journalist fragte bei dem Spezialisten an, ob er einen ähnlich schweren Fall kenne, bei dem der Patient wieder auf die Beine gekommen sei. Heike Sy traute ihren Ohren nicht, als sie die Antwort mithörte. „Ja. Mir sitzt gerade eine Patientin gegenüber, die das geschafft hat.“

Danach begann Heike Sy, die Geschichte ihres „zweiten Lebens“ aufzuschreiben. Und prompt gab es wieder Fragen: „Kann ich das? Ich bin doch keine Medizinerin.“ Doch in Leezen fiel das Projekt der ehemaligen Patientin auf fruchtbaren Boden. Heike Sy war im September Gastrednerin auf einer Fachtagung und Weiterbildung für Ärzte. Und da erhielt sie nicht nur viel Applaus, sondern vor allem Zuspruch, dieses Buch zu schreiben.

Zudem ist ein zweiter, großer Wunsch inzwischen herangereift: Heike Sy würde gern Michael Schumacher treffen, seiner Frau Corinna und den Kindern Mut zusprechen. „Aber die haben sicher ganz andere Probleme.“ Voll des Lobes ist Heike Sy für Corinna Schumacher. „Diese Kraft, für ihn da zu sein, vor den Kindern stark zu sein, die täglichen Aufgaben zu bewältigen und dabei die Privatsphäre zu bewahren – das alles ist großartig. Eine bewundernswerte Frau.“ Und Heike Sy weiß, was es heißt, solch einen Kampf durchzustehen.

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