Zülow : Zurück an den Ort der Kindheit

Freunde aus Kinderjahren: Heinz Gerken (l.) und Hans-Joachim Vandrey gingen in diesem Gebäude zur Grundschule. Später beherbergte die alteSchule Konsum und Wohnungen. 1992 hat es der jetzige Eigentümer Dietrich Grasshof gekauft und saniert. Seit 1998 wohnt er mit seiner Frau hier.
Freunde aus Kinderjahren: Heinz Gerken (l.) und Hans-Joachim Vandrey gingen in diesem Gebäude zur Grundschule. Später beherbergte die alteSchule Konsum und Wohnungen. 1992 hat es der jetzige Eigentümer Dietrich Grasshof gekauft und saniert. Seit 1998 wohnt er mit seiner Frau hier.

Der 72-jährige Heinz Gerken aus Wilhelmshaven schaute sich mit einem Schweriner Jugendfreund in seinem Geburtsort Zülow um

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02. September 2015, 12:00 Uhr

„Das muss sie sein, unsere alte Schule“, sagt Heinz Gerken und zeigt mit dem Finger in die Richtung eines Backsteingebäudes. Bäume versperren die Sicht. Gemeinsam mit seinem Freund Hans-Joachim Vandrey ist er nach Zülow gekommen, um Erinnerungen aufzufrischen. Beide sind hier zur Grundschule gegangen, beide haben hier ihre Kinderjahre verbracht.

Eine Schule gibt es schon lange nicht mehr in Zülow. Das Gebäude ist heute Wohnhaus. Hausherr Dietrich Graßhoff bittet die Männer aufs Grundstück. Und da wird dann auch die Treppe sichtbar, die ins Haus führt. „Ich hatte die viel größer in Erinnerung“, sagt Heinz Gerken.

Hans-Joachim Vandrey hat indes seine frühere Wohnstätte in dem einstigen Schulhaus entdeckt. Seine Mutter war Grundschullehrerin. 1967 zog er nach Schwerin. Da wohnte Heinz Gerken, der in Zülow geboren wurde, schon lange nicht mehr hier. Seine Eltern und ihre vier der fünf Kinder haben der DDR den Rücken gekehrt – unter schwierigsten Bedingungen. Der erste Versuch 1953 war gescheitert, erzählt der heute 72-Jährige. „Wir wurden aus der Straßenbahn in Schwerin geholt.“ Nur einem Bruder, der unerkannt geblieben war, glückte die Flucht. „Mein Vater kam wegen versuchter Republikflucht und Devisenvergehens ins Zuchthaus. Zu sechs Jahren wurde er verurteilt.“ Der Rest der Familie musste zurück nach Zülow. Wer sie verraten hatte, weiß Heinz Gerken bis heute nicht – und will auch nicht nachforschen. „Meine Eltern hatten die gepackten Koffer unterm Sofa im Wohnzimmer versteckt. Das muss jemand mitbekommen haben, der das Telefon in unserem Haus benutzte.“

Die Familie habe dennoch großes Glück gehabt. Nach einem halben Jahr im Zuchthaus kam der Vater auf Bewährung frei. Der Grund: Die DDR hatte nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 eine Amnestie erlassen. „Für mich ist der 17. Juni ein Tag mit weitaus größerer Bedeutung als der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit – aus ganz privater Sicht“, betont Gerken und mag gar nicht daran denken, was geworden wäre, hätte sein Vater die vollen sechs Jahre im Zuchthaus absitzen müssen. 1954 hatte seine Schwester dann geheiratet. Auch Westverwandtschaft kam zu Besuch. In der allgemeinen Aufbruchstimmung verließen auch Gerkens mit gepackten Koffern Zülow. Der zweite Versuch, die DDR zu verlassen, hat geklappt. Nur seine Schwester sei dort geblieben. Heinz Gerken hat eine Lehre als Bankkaufmann absolviert und später studiert, er wurde Lehrer an einer berufsbildenden Schule. 2008 ging er als Oberstudienrat in den wohlverdienten Ruhestand.

Kindheitserinnerungen tauchten nun auf, verbunden mit dem Wunsch, alte Freunde zu sehen. Er blätterte in Telefonbüchern, suchte nach bekannten Namen und fand den von Vandrey. Heinz Gerken: „ Das war der Bruder von Hans-Joachim, der konnte mir seine Rufnummer geben.“ Und so kam der Kontakt zustande. Jetzt, nach 61 Jahren, standen sie sich wieder persönlich gegenüber: Heinz Gerken aus Wilhelmshaven und Hans-Joachim Vandrey aus Schwerin-Neumühle. Nach der ersten Wiedersehensfreude in Schwerin zog es die beiden nach Zülow. „Ich bin einmal im Jahr in Zülow, schaue gern mal vorbei, auch wenn man kaum noch alte Bekannte trifft“, erzählt der Schweriner. Heinz Gerken war in der DDR-Zeit auch schon mal in Zülow, um sein Elternhaus zu verkaufen. Damals hatte er allerdings weder Zeit noch Muße, sich um anderes zu kümmern.

Aber jetzt sei die Neugier groß gewesen, was aus Freunden und dem Ort seiner Kindheit geworden ist. Das Dorfzentrum sei kaum wiederzuerkennen. Es ist schicker geworden. „Die Straßen sind asphaltiert, auch im Resthof und Zülow-Ausbau“, sagt Gerken.

In Erinnerung geblieben sei ihm der einstige Dorfteich. „Ich sehe noch immer einen Mann in Gummihose im Wasser stehen und mit einer größeren Schaufel auf die Wasseroberfläche schlagen. So sollten die Fische betäubt werden. Sie wurden dann an Land geworfen.“ Und der Schmied, auch das fällt ihm ein, habe die glühend heißen Reifen, die als Beschlag für Wagenräder dienten, den Abhang hinunter in den Teich gerollt – zum Abkühlen. „Im Winter haben wir uns oft am Feuer in der Schmiede aufgewärmt“, wirft sein Freund Hans-Joachim Vandrey ein. So taucht eine Geschichte nach der anderen auf, an die sie sich erinnern.

Dieser Besuch soll nicht der letzte sein, sagt Heinz Gerken. Er, der selbst Tennis spielt, sucht Kontakte zu einem Schweriner Tennisverein. Und ein Gegenbesuch seines alten Freundes steht auch an.

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