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Zeitung für die Landeshauptstadt

24. November 2017 | 10:39 Uhr

Inklusion : Ziemlich beste Freunde

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der blinde und geistig behinderte Andreas hat in Michael Höppner einen besonderen Weggefährten gefunden

von
erstellt am 31.Aug.2014 | 09:00 Uhr

Sie sind ein bisschen wie der gelähmte Millionär und der arbeitslose Migrant aus dem erfolgreichen Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“. Manchmal zitiert Michael Höppner selbst Passagen des französischen Streifens, wenn er über seinen Weggefährten Andreas spricht. Tatsächlich gibt es frappierende Ähnlichkeiten: Andreas ist seit einem Unfall blind und geistig behindert. Michael, der sich um ihn kümmert, hat selbst schon einiges durchgemacht. Beide sind so um die 50. Und sie gehen mitten rein ins Leben: In die Kneipe, auf Konzerte, ins Fußballstadion, ins Fitness-Center. SVZ traf Andreas und Michael im Kletterwald.

Andreas raucht noch Eine, bevor er in die Gurte steigt. Michael bestellt einen Kaffee und stellt ihn zu den Keksen auf die Holzbank. Er schaut kurz nach „Herrn Schröder“, seinem Bordercollie-Mischling. Dann begrüßt er Mitch vom Kletterwald-Team, der die beiden schon seit Jahren kennt und Andreas manchmal durch die Wipfel lotst. „Bis Parcours vier geht er inzwischen locker allein“, sagt Mitch. „Wir suchen auch nicht mehr besucherschwache Tage aus, damit er kommen kann. Andreas packt das alles sehr gut, lässt sich auf Plattformen manchmal überholen. Die Leute sind sehr nett zu ihm. Und er schafft manche Schwierigkeitsstufen viel besser als Menschen, die sehen können.“ Im Kletterwald hat man mit Handicaps Erfahrung. „Wir haben schon mal einen Rollstuhlfahrer in einen Flaschenzug gehängt und ihn dann in der Seilbahn eingegurtet“, erzählt Mitch. „Zwei Blinde klettern regelmäßig bei uns, manchmal auch Gruppen.“

Das Besondere bei Andreas ist die zusätzliche geistige Behinderung. Welche Areale im Gehirn bei seinem schweren Glatteis-Unfall 1996 wirklich zerstört wurden, weiß sein Betreuer nicht genau. Fast ein Jahr verbrachte Andreas auf der Neurologischen Abteilung im Unfallkrankenhaus, war anfangs nicht ansprechbar, reagierte nur auf Schmerzreize. Heute scheint er manchmal problemlos zu begreifen, was um ihn herum vorgeht, kann Worträtsel lösen, komplizierte Telefonnummern behalten. Schach könne er auch spielen, erklärt Andreas, und wählt als Spielfarbe Rot. „Da hat er wohl doch Mensch-ärgere-dich-nicht gemeint“, sagt Michael lächelnd.

Viele Stunden in der Woche verbringt er mit Andreas, fährt mit ihm nach Rostock zu Hansa-Spielen, geht in den Speicher zu Konzerten, in den Freischütz zum Essen oder ins Kino, wo sich Andreas halb totlacht, wenn ihm eine 3D-Brille angeboten wird. Die beiden sind auch schon gemeinsam geflogen – weil Andreas das so gerne wollte. In Wismar, mit einem kleinen Privatflugzeug. Manchmal fahren sie an die Ostsee, immer auf der Suche nach dem ganz normalen Leben mitten in der Gesellschaft. Michael achtet darauf, dass Andreas seine Tabletten rechtzeitig nimmt, dass er nicht zu viel raucht, dass er genug schläft. „Wenn er mit dem Kopf schwingt, ist das ein Zeichen für Überforderung“, sagt Michael.

Nur manchmal überschreitet Andreas die weiten Grenzen, die Michael ihm gesetzt hat und pinkelt z.B. mitten in einem Geschäft. Inkontinenz ist nur eine der vielen Folgen seines Unfalls. Regelmäßige Toilettenbesuche gehören deshalb zum Standardprogramm bei jedem Ausflug.

Michael und Andreas reiben sich aneinander, lernen voneinander, haben Spaß, zeigen der Gesellschaft, wie Inklusion funktionieren kann. So wie in „Ziemlich beste Freunde“.

Doch einiges ist eben ganz anders: Andreas ist nicht reich und seine Familie will keinen Kontakt mehr zu ihm. Über sein Leben vor dem Unfall weiß man wenig. Höchstwahrscheinlich hat Andreas in einer Bäckerei gearbeitet. Heute arbeitet der 48-Jährige die Woche über in den Dreescher Werkstätten in der Montage. Die Wohnstätte in der Bosselmannstraße ist seit 2008 sein Zuhause. Michael Höppner, der Ausbildungen zum Schwimmmeister, zum Erzieher und Sozialtherapeuten gemacht hat, ist jetzt EU-Rentner und Sprecher der Newcomer, einer Sucht-Selbsthilfegruppe.

Doch seine Geschichte stehe hier nicht im Mittelpunkt, betont er. Seit Februar 2012 kümmert er sich um Andreas – freiwillig, ehrenamtlich, liebevoll und professionell. Ein Dozent am Institut für Systemische Arbeit hatte ihm diese Betreuung ans Herz gelegt. „Andreas und ich haben beide erfahren, wie schnell und hart man im Leben ganz unten aufschlagen kann. Wichtig ist nur, wieder aufzustehen und weiterzulaufen“, sagt Michael Höppner. „Und man darf keine Berührungsängste haben vor der Gesellschaft, dann ergibt sich schon etwas.“ Sogar für Menschen, die andere schon abgeschrieben hatten. „Andreas möchte deshalb Danke sagen an alle, die ihm geholfen haben: im Kletterwald, im Fitness-Studio, im „Freischütz“. Und Danke sagen an alle, die ihm mit Respekt begegnen und ihn aufnehmen“, sagt Michael Höppner zum Schluss des Gesprächs. Dann kann Andreas endlich losklettern.


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