Welterbe-Antrag : Zentrum der Macht soll geschützt werden

Das Residenzschloss soll der Mittelpunkt des Ensembles sein, das Schwerin gern auf der Welterbeliste der Unesco wissen möchte.
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Das Residenzschloss soll der Mittelpunkt des Ensembles sein, das Schwerin gern auf der Welterbeliste der Unesco wissen möchte.

Schwerin bewirbt sich bei der Unesco mit Bauten auf einer Fläche von 140 Hektar rund um das Schloss um den Welterbetitel

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08. Januar 2016, 08:00 Uhr

Wohl nichts hat in Schwerin von der Idee bis zur Verwirklichung bisher so lange gedauert, wie die Bewerbung um den Welterbestatus. Bereits um die Jahrtausendwende wurde im Verein Pro Schwerin die Vorstellung geboren, das Schloss auf die Welterbeliste der Unesco zu bringen. Jahrelang wurde diskutiert. Die Befürworter versprachen sich vom Titel Weltkulturerbe einen Aufschwung für den Tourismus. Die Kritiker befürchteten einen Stillstand bei der Stadtentwicklung.

Zwischendurch gab es so manchen Vorschlag. Prof. Gottfried Kiesow, der Gründer und langjährige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, hatte die Idee, gleich die ganze Kulturlandschaft von Wiligrad bis Neustrelitz zum Welterbe zu machen. Ein Vorhaben, das schnell wieder zu den Akten gelegt wurde, weil der Umfang der wissenschaftlichen Begründung des Antrags jeden Rahmen gesprengt hätte. Dann wieder gab es Enthusiasten, die ein Autorennen durch den Schlossgarten organisieren wollten. Das wäre mit einer Welterbebewerbung nicht in Einklang zu bringen gewesen.

Im Jahr 2007 kam Schwung in die Bewerbungsidee. Der Landtag fasste einen entsprechenden Beschluss.

Es dauerte dann aber noch bis 2010, bis der Landtag, das Bildungsministerium und die Stadt Schwerin sich bekannten, gemeinsam auf eine erfolgreiche Antragstellung hinzuarbeiten. Es wurde geprüft, ob eine multinationale Bewerbung Chancen hätte. Doch eine Zusammenarbeit mit den Denkmalbehörden in Dänemark und Polen wäre auf jeden Fall sehr zeitintensiv gewesen.

Im Juni 2012 dann wurde der Antrag bei der deutschen Kultusministerkonferenz abgegeben. Die hatte zu beschließen, wer auf die deutsche Vorschlagsliste gesetzt wird. Insgesamt gingen 31 Anträge ein. Neun schafften es auf die so genannte Tentativliste – Schwerin war dabei. Noch mit dem Hinweis, ob für das „Residenzensemble Schwerin - Kulturlandschaft des romantischen Historismus“ nicht ein gemeinsamer Antrag mit dem bayerischen Vorschlag „Gebaute Träume – Die Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee des Bayerischen Königs Ludwig II.“ nicht ein gemeinsamer Antrag möglich sei. Doch die Bayern winkten sehr schnell ab. Wie bedeutend wäre schon Schwerin gegen die jedes Jahr millionenfach besuchten Ludwig-Schlösser?

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So ist Schwerin nun also allein auf dem Weg zum Welterbe. Inzwischen mit vielen Aktivitäten. So beteiligte sich eine Reihe von Vereinen mit verschiedenen Angeboten am Welterbetag im Juni. Es gab – initiiert vom Verein Pro Schwerin – einen Malwettbewerb „Mein Schloss und die Welt“. Immerhin 250 Schüler beteiligten sich daran. Und einige Ergebnisse können großformatig an Baugerüsten in Schwerin betrachtet werden. Im Oktober gab es eine wissenschaftliche Konferenz zum Welterbe. Und es traten zwei neue Akteure in die Öffentlichkeit: Schwerin hat jetzt eine Welterbemanagerin und ein Welterbeförderverein wurde gegründet.

Auch für dieses Jahr sind bereits viele Aktivitäten geplant. So wird der Welterbetag – in Deutschland der erste Sonntag im Juni – bereits von den Vereinen vorbereitet. Das Landwirtschaftsministerium wird eine Ausstellung zu den bereits bestätigten Welterbestätten im Land – die Altstädte von Wismar und Stralsund sowie die Alten Buchenwälder auf Rügen – vorbereiten. Dabei auch eine Tafel zum Schweriner Residenzensemble.

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Und auch der Welterbeverein plant einige Veranstaltungen. Das Schlossfest wird für die Präsentation des Schlossensembles genutzt und am 1. Juli gibt es während der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern das Programm „Greetings to the Universe – Das Weltkulturfest im Schweriner Residenzensemble“.

Schwerin steht auf der Vorschlagsliste

Auf der so genannten Tentativliste stehen die Vorschläge, die Deutschland der Unesco  zur Aufnahme in die Welterbeliste machen will. Die Spannbreite reicht derzeit  vom jüdischen Friedhof in Altona über die alpinen  Wiesen- und Moorlandschaften bis  zu den Höhlen der ältesten Eiszeitkunst auf der Schwäbischen Alp. Diese Vorschlagsliste wird nach und nach „abgearbeitet“. Für das Schweriner  Residenzensemble muss ein wissenschaftliches Gutachten erarbeitet werden. Zur Entscheidung wird der Antrag der Unesco frühestens 2017 vorgelegt.

Erbe der Menschheit verpflichtet

Schwerin Der Status Welterbe verpflichtet. Geht es doch nicht allein um den Tourismus. Vielmehr soll historisch Wertvolles, Einzigartiges erhalten werden. Hat doch die Unesco das Welterbe auch als Erbe der Menschheit definiert. Ein hoher Anspruch, der auch Konfliktpotenzial in sich birgt. Denn geschützt ist nicht nur ein einzelnes Objekt oder ein Ensemble. Auch in einer Pufferzone im Umkreis ist bei Neubauvorhaben immer zu prüfen, inwieweit die sich zum eigentlichen Schutzobjekt in Szene setzen. Da kann ein Welterbeobjekt schon mal auf die Rote Liste gesetzt werden oder den Status ganz verlieren. Prominentes Beispiel dafür ist Dresden, das seinen Welterbetitel 2009 verlor, weil die vierspurige Waldschlösschenbrücke „den zusammenhängenden Landschaftsraum des Elbbogens an der empfindlichsten Stelle irreversibel in zwei Hälften“ zerteilt, wie es in der Unesco-Begründung heißt.

Gefährdet war auch schon der Welterbestatus für die Stralsunder Altstadt wegen der Rügenbrücke. Die wurde deshalb als teure Schrägseilbrücke und nicht preiswert als Balkenbrücke gebaut. Der Kölner Dom kam ins Gerede, weil auf der anderen Rheinseite ein Hochhaus gebaut werden sollte. Die Stadt einigte sich aber mit der Uno-Organisation. Eine Freizone beiderseits des Flusses soll jetzt den freien Blick auf das Gotteshaus gewährleisten. Neue Gebäude dürfen nicht höher als 60 Meter sein. Gefahr bestand auch schon für die Wartburg. In einigen Kilometern Entfernung sollten sich riesige Windräder über den umliegenden Wäldern erheben. Das Vorhaben wurde abgewendet. Überhaupt Windräder: Auch in Lübeck wurde über einen  Standort dafür diskutiert. Sie hätten die geschützte, siebentürmige Silhouette der Hansestadt gestört. Und in Schwerin wird hinter den Kulissen über ein Windrad in den Göhrener Tannen gerungen. Es würde den Blick auf die Stadt vom Paulsdamm aus beeinträchtigen, so die Denkmalschützer.

Die Beispiele zeigen, dass das Welterbe bereits in der Bewerbungsphase auch Verpflichtung ist. So wurde der Museumsanbau, ein schlichter Betonquader, bereits in der Planungsphase mit der Unesco-Organisation Icomos besprochen. Die Fachleute hatten nichts dagegen. Anders bei einem Lückenbau in der Graf-Schack-Allee. Die Fassade war den Denkmalschützern „zu modern“. Jetzt, mit dem geänderten Entwurf können Icomos und die lokalen Denkmalpfleger leben.

Es zeigt sich aber auch, dass es im Umfeld des Welterbes nicht darauf ankommt, angepasst  historisierend zu bauen. Denn, so heißt es aus der Fachwelt: Jede Generation hat das Recht, nach ihren Vorstellungen zu bauen. Sonst würden wir heute noch in Höhlen leben.

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