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Rente für Greifvögel : Zapeler gibt Falken das Gnadenbrot

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Reinhardt Eggert ging jahrelang mit Greifvögeln auf Beizjagd: Heute erklärt er vor Schulklassen und auf Veranstaltungen die Falknerei

svz.de von
erstellt am 18.Jan.2014 | 12:00 Uhr

Die Falkendame Jule hat Reinhardt Eggert erst seit zwei Jahren. „Sie kriegt hier ihr Gnadenbrot. Der Falke ist 13 Jahre alt und soll noch fliegen, aber Beute muss er nicht nicht mehr jagen.“ Stattdessen nimmt der Falkner den Greifvogel mit zu Veranstaltungen oder zeigt ihn vor Schulklassen – für Lehrzwecke. Im Herbst zum Beispiel war er beim Kreiserntefest des Landkreises Ludwigslust-Parchim in Pampow. Kaum hatte Eggert seinen Falken auf der mit einem Lederhandschuh geschützten Faust, drängten sich die Leute um ihn, erzählt er. „Die meisten wollen wissen, wie man überhaupt mit einem Falken jagen kann. Das können sich die wenigsten vorstellen“, sagt der ehemalige Berufskraftfahrer aus Zapel-Hof.

„Die Falknerei ist die Kunst, mit Greifvögeln zu jagen“, erklärt er. Sie müssen abgerichtet werden. Und das kann mehrere Monate dauern. Schließlich könne man einem Vogel nicht einfach Kommandos zurufen und er gehorcht. Das Abrichten erfolgt über das Futter, das ihm auf der Faust angeboten wird. Springt er bereitwillig auf den Handschuh, wird die Entfernung an einer Lockschnur ausgedehnt – Stück für Stück. Danach kann der Vogel ohne Schnur im freien Flug mit einer Attrappe darauf trainiert werden, seinem natürlichen Jagdinstinkt zu folgen und sich auf die Beute stürzen. Dann ist er bereit zur Beizjagd, erläutert Reinhardt Eggert.

Seiner Meinung nach ist der Habicht ein idealer Jäger, denn der jagt sowohl in der Luft als auch am Boden. 20 Jahre lang hatte Reinhardt Eggert selbst einen. Er hieß Betti. „Mit ihm bin ich sehr gern auf Jagd gegangen.“ Und das erfolgreich. 578 Wildkaninchen, 16 Hasen, 12 Wildenten, 18 Fasane, 1 Rebhuhn und 1 Kolkraben hatte der Habicht in jenen Jahren erlegt. Eggert würde sich sofort wieder einen zulegen und ihn für die Beizjagd ausbilden – wenn es denn Wildkaninchen gäbe. Die aber seien leider rar geworden. Die so erlegten Tiere können selbstverständlich für ein schmackhaftes Gericht zubereitet werden.

Von seinem alten Habicht, den er in einem Alter von zwei, drei Wochen selbst ausgehorstet hat, wie der Fachmann sagt, konnte sich der Zapeler nicht trennen. „Wir haben quasi 20 Jahre zusammengelebt. Ich habe viele schöne Erinnerungen.“ Zum Beispiel denkt er gern an eine Jagd in Sachsen. Ein Reiher saß am Graben, aus seinem Schnabel hing ein toter Aal. „Mein Habicht wollte und wollte den Reiher nicht jagen.“ Der Aal hatte ihn wohl irritiert. Deshalb setzte ein anderer Falkner seinen jungen Habicht ein – und der hat den Reiher tatsächlich geschlagen, wie es in der Falknersprache heißt. „Beim genauen Hinschauen entdeckten wir dann, dass der Aal noch an einem Angelhaken und einer Sehne hing.“

Seinen alten Habicht Betti hat Reinhardt Eggert präparieren lassen und ihm im Wohnhaus in einer kleinen „Jägerecke“, in der auch Trophäen von Rehen, Wildschweinen zu sehen sind, einen festen Platz gegeben.

Leider hole der Habicht in freier Wildbahn auch schon mal junge Hühner vom Bauernhof. Deshalb ist er bei Hühnerhaltern nicht sonderlich beliebt. Als Falkner aber schätze er den Jagdinstinkt des Vogels und die Ausdauer.

Während der Habicht sowohl Federwild wie Fasan als auch am Boden lebende Tiere wie Kaninchen holt, jagt der Wanderfalke nur das, was sich in der Luft bewegt: Fasane, Tauben, Enten, Rebhühner. Immerhin bringt er es auf eine Geschwindigkeit von über 300 km/h. Deshalb müssen die Beutetiere mit Hilfe eines Hundes aufgescheucht werden. Ein kleiner befestigter Peilsender hilft ihm, den Vogel samt Beute schnell zu finden.

Sein Hobby hat der Zapeler in frühen Jahren entdeckt. „Das war ich fünf oder sechs“, erinnert er. Er habe einen jungen Bussard aus einem Horst genommen und ihn zu Hause aufgezogen. Heute ist so etwas nicht denkbar. Nach zwei Jahren habe er ihn wieder in die Freiheit entlassen. Geblieben ist das Interesse, mit Vögeln zu jagen. Reinhardt Eggert fand Gleichgesinnte in Grevesmühlen. Sie brachten ihm die Grundzüge der Falknerei bei – theoretisch wie praktisch. Die Prüfung als Falkner habe er auf Anhieb bestanden.

War der Bestand der Wanderfalken früher gefährdet, so hat er sich heute erholt. Das freut den Zapeler. Für die Beizjagd kommen heute immer mehr Falken aus der Zucht. Habichte hingegen dürften mit Genehmigung der zuständigen Behörde auch heute noch für die Beizjagd ausgehorstet werden, erzählt der Zapeler. Für ihn sind Greifvögel, egal ob Habicht, Bussard oder Falke, etwas ganz Besonderes. Deshalb hat er sich jahrelang diesem Hobby verschrieben – als einziger in seiner Familie. Seine Kinder bzw. Enkel haben seinen Falken zwar gern, beschäftigen sich aber nicht mit der Falknerei, sagt der 72-Jährige. Jules Zuhause ist eine Anlage im Garten am Haus. „Er muss sich bewegen und auch mal kleine Distanzen fliegen können“, sagt Eggert. Lange Schnüre sorgen dafür, dass das Tier nicht wegfliegen kann.

Wenn der Falkner von Interessierten, insbesondere von Schulklassen, eingeladen wird, kommt Reinhardt Eggert gern. So war er mit Jule schon in einer Klasse an der Regionalen Schule Crivitz und bereicherte den Biologie-Unterricht. Und auch auf Veranstaltungen wie dem jährlichen Waldfest in Friedrichsmoor oder zu den Wild- und Fischtagen in Ludwigslust erzählt der Rentner mit großer Leidenschaft über die Falknerei, von denen es nicht mehr so viele gibt. In Deutschland sollen etwa 1000 Falkner aktiv sein, in MV etwa 10, schätzt Reinhardt Eggert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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