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Erfolgsgeschichte : Wiligrad neues Leben eingehaucht

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kunstverein machte aus einstiger Polizeischule auf dem Schlossareal am Schweriner Außensee einen lebendigen Treffpunkt

svz.de von
erstellt am 10.Nov.2014 | 21:00 Uhr

Als von einem Vierteljahrhundert die Berliner Mauer und die Grenzzäune mitten in Deutschland fielen, öffnet sich auch das Tor nach Wiligrad. Denn das Schloss mit seinen Nebengebäuden war bis 1989 eingezäunt und abgeschottet. Das Areal beherbergte eine streng bewachte Schule der Volkspolizei. „Dass wir heute hier einen lebendigen und anziehenden Ort finden, das ist dem Kunstverein Wiligrad und vor allem Jutta und Klaus J. Albert zu verdanken“, sagt Robert Paeplow. Der einstige Arbeitsamts-Mitarbeiter weiß das genau. Schließlich hat er das Ganze Anfang der 1990er-Jahre mit auf den Weg gebracht, den Künstlern in der turbulenten Nachwendezeit wichtige Tipps und entscheidende Hilfestellungen gegeben. „Deshalb ist Robert Paeplow auch Ehrenmitglied bei uns im Kunstverein“, betont Jutta Albert. Eine Würdigung, die neben Paeplow bislang nur ein weiteres Mal vergeben wurde – an den ehemaligen KGW-Geschäftsführer Jörgen Thiele für die Unterstützung der Bildhauer-Symposien Metall.

Rückblick: Auch für Jutta und Klaus J. Albert war Wiligrad bis zum Mauerfall ein unbekannter Ort. „Als wir Anfang der 1980er-Jahre nach Lübstorf zogen, war Wiligrad ein weißer Fleck auf allen DDR-Landkarten“, erzählt Klaus J. Albert. Dass es im Wald hinter dem Lübstorfer Bahnhof eine Polizeischule gibt, hörte das Ehepaar von den neuen Nachbarn relativ schnell. „Wir haben das Schloss aber vor der Wende nie gesehen“, erzählt Jutta Albert. „Vom Wasser aus war das zwar möglich. Aber wir hatten kein Boot.“ Selbst als mit der Wende Wiligrad wieder zu einem offenen Dorf wurde, ahnten die Porzellangestalterin und der Bildhauer nicht, dass dieser Ort für Jahrzehnte ein wichtiger Arbeitsort für sie und viele weitere Künstler werden würde. „Nicht einmal die Idee ging von uns aus“, erinnert sich Klaus J. Albert. Es waren der damalige Schweriner Landrat Harald Scheffler und der aus dem Westen gekommene Berater Joska Pintschovius, die die Künstler des damaligen Landkreises Schwerin aufforderten, das Schloss mit Kultur zu füllen. Hinzu kam, dass Jutta Albert beim Kulturbund in Schwerin ein ABM-Projekt betreute. Ziel: eine Schau mit Werken von Künstlern aus dem einstigen Bezirk Schwerin. „Als wir nach einem Ausstellungsort suchten, hat der Landkreis sofort zugestimmt, dass diese Ausstellung nach Wiligrad kommt.“ Das war im Grunde der Auftakt zu den Galerieausstellungen des Kunstvereins im Schloss. Derzeit läuft die 184. – die alljährliche Kunstbörse. „Damit haben wir Maßstäbe gesetzt“, ist Klaus J. Albert stolz. Der Kunstverein hat Werke namhafter deutscher Künstler aus Ost und West in Wiligrad präsentiert, hat Einheimischen ein Podium bereitet, hat zu Bildhauer-Symposien Metall eingeladen und ist zur Heimstatt moderner Kunst geworden. „Und immer auf höchstem künstlerischem Niveau“, betont der Bildhauer. Heute ist diese Ausstellungstätigkeit der Schwerpunkt in der Vereinsarbeit.

Doch gerade in der Anfangszeit war der Kunstverein noch mehr: Über die Jahre verteilt waren bis zu 70 Künstler an ABM-Projekten beteiligt. Kinder und Jugendliche wurden an die Kunst herangeführt. „Zugleich gab das den Kollegen auch etwas Sicherheit und die Chance, sich unter den neuen Bedingungen zu orientieren“, blickt Jutta Albert zurück. Denn jeder Künstler war plötzlich ein Unternehmer. Auftragswerke vom Staat gab es nicht mehr. Künstlerische Zwänge fielen damit endlich weg – aber auch die finanzielle Sicherheit. „Auch das ist eine Wiligrader Erfolgsgeschichte“, sagt Arbeitsmarkt-Experte Paeplow. „Diese ABM hat zahlreichen Künstlern geholfen, sich eine neue, eigenständige Existenz aufzubauen.“

Paeplow geht aber noch weiter. Ohne die kreative Initialzündung hätte Wiligrad nicht diese Entwicklung genommen. Mit dem Verein Erlebnistage mit seinen Angeboten an Jugendgruppen, dem Café in der einstigen Schlossgärtnerei, dem Kunstverein im Schloss und der gerade beendeten Parksanierung gehören Schloss und Umfeld heute zu den Top-Ausflugszielen am Schweriner See.

Der Kunstverein will hier weiterhin aktiv sein. So lange das Land kein neues Nutzungskonzept für das Schoss gefunden hat, bleibt es Heimstätte des Kunstvereins und Ausstellungsort. „Und auch danach sollen und wollen wir auf dem Areal bleiben – vielleicht im benachbarten Maschinenhaus“, nennt Jutta Albert weiterführende Überlegungen.

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