Gestaltungsbeirat : Wildwuchs in den Waisengärten?

Die Idylle trügt: Im Vorzeigebaugebiet der Stadt gibt es Kritik von Investoren an der Auslegung der Bebauungspläne.
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Die Idylle trügt: Im Vorzeigebaugebiet der Stadt gibt es Kritik von Investoren an der Auslegung der Bebauungspläne.

Bauherren kritisieren, dass der Gestaltungsbeirat zu viele Ausnahmen zulässt und der Bebauungsplan großzügig ausgelegt wird

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25. April 2017, 05:00 Uhr

Der Hauptausschuss hatte sich mit einigen Bauangelegenheiten zu beschäftigen. Da platzte Silvio Horn, Fraktionsvorsitzender der Unabhängigen Bürger, der Kragen. „Warum beschließen wir hier immer wieder Bebauungspläne, die dann doch nicht eingehalten werden?“ Er sei einmal durch die Waisengärten gegangen. „Es sieht einfach schrecklich aus, was da gebaut wird.“ Dafür bekam Horn von einigen Ausschussmitgliedern beifälliges Nicken. „Wozu haben wir denn einen Gestaltungsbeirat, wenn der doch alles durchgehen lässt?“

Ähnlich sehen das einige Investoren, die bereits in den Waisengärten gebaut haben. „Dieser Gestaltungsbeirat soll die Umsetzung der gewollten Bebauung hinsichtlich Architektur und einheitlicher Bebauung überwachen und kontrollieren. Aus eigener Erfahrung können wir sagen, dass man sich mit der Architektur befasst hat –weitere Dinge, die für die Gestaltung eines Wohngebietes von Bedeutung sind – nichts!“, so Kaufmann Krüger von einer Bauherrengemeinschaft. „Enttäuscht sind wir von der Selbstherrlichkeit der Verwaltung und der ohne Konkurrenz agierenden Landesgrunderwerb.“ Es gäbe zu viele Ausnahmen und Zugeständnisse durch den Gestaltungsbeirat. „Der Gestaltungsbeirat und die Planung in der Verwaltung haben sich über alle Dinge des gesellschaftlich Gewollten hinweggesetzt“, so die harte Kritik.

Der Gestaltungsbeirat für die Waisengärten sollte ursprünglich mit externen Fachleuten besetzt werden. Doch Schwerin schmort weitgehend im eigenen Saft. Im dreiköpfigen Gremium sitzen Robert Erdmann, Geschäftsführer der Landesgrunderwerb LGE, Julia Tophof, Architektin in Berlin, und Andreas Thiele, Fachdienstleiter für Stadtentwicklung und Wirtschaft in der Stadtverwaltung. Aufgabe der drei ist es, die „definierten Qualitäten und konkreten Empfehlungen für den späteren Hochbau und den öffentlichen Raum zu sichern und weiterzuentwickeln sowie architektonische Fehlentwicklungen zu vermeiden“, heißt es auf der Internetseite der Waisengärten. Doch kann das Gremium den Ansprüchen gerecht werden? Robert Erdmann muss als Chef der LGE als Grundeigentümerin der Waisengärten und Projektentwicklungsgesellschaft vor allem daran interessiert sein, die Grundstücke schnell zu einem guten Preis zu verkaufen.

Andreas Thiele muss daran gelegen sein, seine und die Vorstellungen der Verwaltung durchzudrücken. Und Julia Tophof zeigt auf ihrer Internetseite, dass sie in Berlin oder Bremen gerne genauso baut, wie es jetzt in den Waisengärten geschieht.

Unbestritten, die drei sind Fachleute. Nur sind ihre Entscheidungen immer zu der Stadt Bestem? Die bisherigen Bauherren kritisieren beispielsweise, dass die Zahl der Geschosse nicht immer eingehalten und nicht zum See hin abgestuft gebaut wird.

Dass es anders geht, beweist Lübeck. Dort ist der Gestaltungsbeirat mit externen Fachleuten besetzt. Aktuell kommen die fünf Mitglieder aus Berlin, Frankfurt und Weimar. Alle zwei Jahre werden zwei ausgetauscht. Die Experten sind absolut unabhängig. Hat ein Bauherr üblicherweise auch nach drei Beratungen noch nicht die Hinweise und Kritiken des Gremiums in seinen Entwurf eingearbeitet, fliegt er raus. Sein Vorhaben ist dann gescheitert. Das Besondere: Diese Entscheidungen werden von der Verwaltung und von der Lübecker Bürgerschaft akzeptiert.

Jetzt soll auch für das „Neue Bauen am Lankower See“ auf dem Gelände des ehemaligen Internatskomplexes ein Gestaltungsbeirat gebildet werden. Es bleibt abzuwarten, wie dieses Gremium agieren wird. Begehrlichkeiten nach Abweichungen vom Bebauungsplanentwurf gibt es jedenfalls jetzt schon.

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