Totholz bleibt liegen : Wilder Wald bringt Öko-Punkte

Mitten im Urwald: Forstamtsleiter Ingo Nadler im Werderholz zwischen umgestürzten Bäumen, die liegen bleiben.
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Mitten im Urwald: Forstamtsleiter Ingo Nadler im Werderholz zwischen umgestürzten Bäumen, die liegen bleiben.

In Schelfwerder, Zippendorf, Mueß und am Franzosenweg sollen Flächen nicht mehr bewirtschaftet werden

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17. August 2016, 09:00 Uhr

Wenn Forstamtsleiter Ingo Nadler bei Regen durch das Naturwaldreservat Werderholz fährt, dann ist es gut, dass sein Wagen Allradantrieb hat und sich auskennt. Die Wege sind matschig, holprig und plötzlich sieht alles gleich aus. Ein bisschen nach Urwald. Genau das soll so sein, denn seit mehr als zehn Jahren ist dieser Bereich aus der klassischen Wald-Bewirtschaftung rausgenommen. Was umfällt, bleibt liegen. Lediglich Wege werden noch verkehrssicher aufgeräumt, für Spaziergänger. Wo einst Forstarbeiter Holz ernteten, kommen jetzt höchstens mal die Forscher vorbei, um zu überprüfen, wie sich ein Wald entwickelt, ohne dass der Mensch die Hand im Spiel hat. Aber es geht noch radikaler: Ganz am Rande von Schelfwerder, am Ufer des Ziegelaußensees wurde jetzt eine „Ökokontofläche“ eingerichtet. Sie ist einen Hektar groß und hier dürfen nicht mal Forscher rein. Was wie ein romantischer „wilder Wald“ anmutet, ist aber auch und vor allem ein Geschäftsmodell. Denn für das Stück unberührte Natur gibt es so genannte Ökopunkte, die der Waldbesitzer – in diesem Fall die Landesforst – verkaufen kann. Beispielsweise an Industriebetriebe, die für eine Ansiedlung Ausgleichsflächen beziehungsweise -pflanzungen nachweisen müssen. Sie können nun Punkte kaufen, die dann wie eine Kompensationsfläche bewertet werden. Bevor ein Gebiet zur Ökokontofläche wird, muss die Naturschutzbehörde den Status bestätigen. Dann wird die Maßnahme bewertet und die Punkte verteilt, erklärt Ingo Nadler. Der Hektar wilder Schelfwald sei übrigens rund 20 000 Ökopunkte wert. Der Waldbesitzer ist verpflichtet, das Gebiet geraume Zeit unberührt zu lassen. Im Falle von Schelfwerder sind es 30 Jahre. In den vergangenen Jahren ist der jetzt stillgelegte Hektar übrigens auch nicht bewirtschaftet worden. Der Weg dorthin sei zu matschig.

Doch nicht nur im Norden der Stadt wird Wald stillgelegt, auch im Osten sollen Ökokontoflächen entstehen – und zwar nahe am Franzosenweg. Ein aktuelles Verfahren läuft für ein Waldstück zwischen Zippendorf und Mueß. Spaziergänger wählen oft einen der kleinen Pfade, die vom Ufer in den Wald führen, genießen die stille Natur – und wundern sich seit einiger Zeit, dass umgestürzte Bäume nicht mehr weggeräumt werden, selbst wenn sie in Entwässerungsgräben liegen. „Wir behandeln dieses Stück schon seit Längerem so, als wäre es eine Ökokontofläche“, sagt Nonno Schacht, von den Stadtwirtschaftlichen Dienstleistungen. Etwa fünf Hektar umfasse das Areal. Er hofft, dass das Verfahren, das Ökopunkte beschert, bald abgeschlossen ist. Auch einen etwa genauso großen Bereich rund um den Reppin und Flächen zwischen Franzosenweg und See – zum Beispiel Adebors Näs – könnten Ökokontoflächen werden.

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