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Bespitzelung in den 70er- und 80er-Jahren : Wie die Stasi das Theater ausspionierte

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Der Erfolg der Inszenierungen von Schauspieldirektor Christoph Schroth machte das Schweriner Theater in den 70er- und 80er-Jahren über die Grenzen hinweg bekannt und öffnete die Tore ins westliche Ausland.

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erstellt am 26.Aug.2013 | 12:07 Uhr

Görslow | Der Erfolg der Inszenie rungen von Schauspieldirektor Christoph Schroth machte das Schweriner Theater in den 70er- und 80er-Jahren über die Grenzen hinweg bekannt und öffnete die Tore ins westliche Ausland. Die erste Reise mit den "Anti ke-Ent deckungen" führe im Jahr 1984 ins französische Nancy. Es folgten Gastspiele in Italien, Österreich, West-Berlin und in verschiedenen Städten der Bundesrepublik. Die Schauspieler besuchten freilic h nicht unbeobachtet den Klassenfeind, die Staatssicherheit fuhr mit, ließ sich von Inoffiziellen Mitarbeitern auf dem Laufenden halten. Wie sehr das Theater auch darüber hinaus im Visier der Stasi stand, da rüber informierte gestern auf eindrucksvolle Weise der Tag der offenen Tür in der Schweriner Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Görslow.

"Die Staatssicherheit hat Informationen aus allen Lebensbereichen gesammelt", sagte die Leiterin der Außen stelle Corinna Kalkreuth. Und selbstverständlich habe das Mielke-Ministerium auch vor und hinter die Kulissen des Schweriner Theaters geschaut, um die SED-Machthaber rechtzeitig vor kritischen Köpfen und unliebsamen Inszenierungen zu warnen. "So konnte es durchaus vorkommen, dass eine Aufführung noch am Tag der geplanten Premie re abgesagt wurden", berichtete Kalkreuth. Vor Auslandsgastspielen seien die Künstler intensiv durchleuchtet worden. Trotzdem hätten sich Ensemblemitglieder bei Gastspielen abgesetzt, so die Außenstellen-Leiterin.

Allein in der Sparte Schauspiel waren nach Angaben von Kalkreuth in den 70er- und 80er-Jahren etwa 30 Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi im Einsatz. Christoph Schroth sei es dennoch gelungen, zentrale Impulse für das Theater in der DDR zu geben, regime kritische Botschaften in Texten, Kos tümen und Bühnenbildern zu ver packen.

Die Journalistin und Autorin Chris tiane Baumann hat in einer Studie "Hinter den Kulissen. Inoffizielle The atergeschichten 1968 bis 1989" das Wirken der Staatssicherheit am Theater und die Bevormundung der Künstler durch SED-Instanzen umfangreich aufgearbeitet. Baumann war zum Tag der offenen Tür in der Schweriner Außenstelle eingeladen. Die Besucher konnten sich in Görslow aber unter anderem auch eine Ausstellung mit Szenenfotos,

Programmheften und Plakaten von Inszenierungen des Mecklenburgischen Staatstheaters aus den 80er-Jahren ansehen. Eine Führung durch das Archiv der Außenstelle wurde ebenfalls angeboten.

Das Interesse an den Hinterlassenschaften der Staatssicherheit sei auch mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR ungebrochen, schilderte Kalkreuth. 3810 Anfragen von Bürgern hätten die Außenstelle im vergangenen Jahr erreicht, im ersten Halbjahr dieses Jahres seien es 1369 gewe sen. Noch imme r stellten Privatpersonen einen Antrag auf Einsicht in ihre Akten, gäbe es aber auch das Forschungsinter esse von Historikern. Rund zweieinhalb Kilo meter Unterlagen aus dem Besitz der früheren Stasi-Bezirksverwaltung gehörten zum Bestand der Görslower Außenstellen, so die Leiterin.

"Geschichte darf sich nicht wieder holen", sagte die Boizenburgerin Barbara Wiener, die gestern zu den Gästen am Tag der offenen Tür gehörte. Noch immer schockiere sie, wie die Stasi mit andersdenkenden Menschen in der DDR umgegangenen sei. Um so wichtiger seien Informationstage, die die Erinnerung an das geschehene Unrecht wach hielten und nachfolgende Generationen mahnten, so Wiener.

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