Schwerins Verlierer : Wenn niemand mehr helfen kann

Obdachlos, hilflos, schutzlos: Auch hier gibt es das.
Obdachlos, hilflos, schutzlos: Auch hier gibt es das.

Auch in Schwerin leben Menschen am Rand der Gesellschaft – unangepasst und unwillig, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen

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31. Dezember 2016, 05:00 Uhr

Dichtes Gedränge herrscht auf dem Marienplatz, Menschen hasten von einer Bahn in die nächste – und am Boden liegt eine Frau. Der Regen prasselt auf sie nieder. Einige schauen teilnahmslos hin, andere bewusst weg. Ja, auch das ist Schwerin. Denn, so bitter es jetzt klingen mag: Die Dame ist keine Unbekannte. Auch die Schweriner sowie Polizei und Rettungsdienst kennen Vorfälle dieser Art nur zu gut. Gisela (Name von der Redaktion geändert) trinkt gern und viel. Oft einfach zu viel, so dass sie nicht mehr in der Lage ist, sich fortzubewegen, allerdings durchaus fähig, sich gegen jegliche Form von Hilfe zu wehren. Beschimpfen, schlagen, spucken und auch beißen – wegen all dieser Delikte machte sie hundertfach Bekanntschaft mit der Polizei. Und selbst im Obdachlosenheim der Landeshauptstadt, wo sie regelmäßig unterkommt, geht sie alles andere als pfleglich mit den Angestellten um.

Auch unsere Leserin Tessa Ernst hat nun Bekanntschaft mit Gisela gemacht. „Sie war scheinbar angetrunken. Aber ist das ein Grund, dass niemand Hilfe leistet“, fragt Ernst. Ihre Bemühungen, einen Notarzt zu rufen, gestalteten sich schwierig. Erst nach langem Bitten wurde Gisela mitgenommen. Im Krankenhaus habe man sie nicht gewollt, auch die Polizei sei nicht ausgerückt, schildert Tessa Ernst. Sie will wissen: Wer ist zuständig, wenn ein Mensch sich nicht mehr selbst helfen kann?

Die Polizei sieht ihre Aufgaben in der Stadt ganz klar definiert: „Wir sind für die Gefahrenabwehr zuständig. Das heißt nicht, dass wir uns um jeden Betrunkenen kümmern müssen“, erklärt Polizeisprecher Steffen Salow. In kritischen Fragen stehe den Beamten die Amtsärztin zur Seite. In Schwerin ist das Renate Kubbutat. Die Medizinerin ist zudem auch Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes. „So lange die Menschen mündig sind, können wir sie nicht einfach zwangseinweisen, wegsperren – über ihren Kopf hinweg bestimmen“, betont Kubbutat. Es sei gerade im Fall Gisela ein großer Spagat zwischen Freiheit und Schutz der eigenen Person. „Es gibt Fälle, da liegt eine so starke Alkoholsucht mit ausgeprägten Hirnschädigungen vor, dass weder Scham noch Mitgefühl vorhanden sind“, erklärt die Amtsärztin. Dann sei es nötig, dass die betroffene Person einwilligt, beispielsweise in einen Entzug. Dazu könne niemand gezwungen werden. „Nur bei einer psychischen Störung könnte eine Zwangseinweisung erfolgen. Das muss aber ein Richter entscheiden.“ In Schwerin gäbe es ein gutes Netz. „Wenn der Betroffene es will, helfen wir“, sagt Kubbutat.

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