Windkraft : Wenn Drachen den Strom erzeugen

So  könnte  eine Höhenwindanlage bei Boldela aussehen: Eine Seitenlänge des ovalen Schienenstrangs misst  an die 1600 Meter.  Grafik: NTS
So könnte eine Höhenwindanlage bei Boldela aussehen: Eine Seitenlänge des ovalen Schienenstrangs misst an die 1600 Meter. Grafik: NTS

Berliner Firma stellte in Sülstorf die Technologie einer Höhenwindanlage vor: Fläche bei Boldela wäre für Projekt geeignet

svz.de von
31. Juli 2014, 07:45 Uhr

Das Unternehmen NTS ( Nature Technology Systems) aus Berlin hat den Gemeindevertretern und anderen interessierten Einwohnern der Gemeinde Sülstorf ein Konzept zur Gewinnung von Windenergie vorgestellt – eine neue Form der erneuerbaren Energiegewinnung. Vereinfacht gesagt geht es darum, die stetigen und stärkeren Wind aus einer Höhe von 200 bis 500 Metern zu nutzen – mittels eines Höhenwindkraftwerkes. Wie das Prinzip funktioniert, erklärten am Dienstagabend die beiden NTS-Geschäftsführer Uwe Ahrens und York Walterscheid. Die Grundidee ist diese: Energiedrachen ziehen Elektroloks.

Ahrens, Luft- und Raumfahrt-Ingenieur von Beruf, erläuterte es ausführlicher: Automatisch gesteuerte Drachen , so genannte Kites, ziehen jeweils eine Elektrolok an, die am Boden auf einem ovalen Schienensystem fährt. Dabei werde die von den einzelnen Drachen erzeugte nutzbare Windleistung auf die Generatoren übertragen. Die so erzeugte Energie wird über Stromschienen – ähnlich wie bei der S-Bahn – in das Netz eingespeist. „Wir kombinieren Drachen, Schienen und Generatoren zu einem hocheffizienten Kraftwerk“, so der Ingenieur. Und er betont: „Es können etwa fünf Gigawattstunden pro Kites und Jahr erzeugt werden. Dies entspricht einem durchschnittlichen Strombedarf von etwa 1450 Haushalten. Eine Serienanlage mit 24 Kites reicht daher aus, um rund 35 000 Haushalte mit Strom zu versorgen.“ Benötigt werde für einen Drachen eine Fläche von 2000 Quadratmetern.

Der Bau einer Serienanlage kostet rund 30 Millionen Euro, informierte York Walterscheid. Die Investitionssumme liege aber wesentlich unter denen einer klassischen Anlage mit Windrädern – bei vergleichbarer Energielieferung. Walterscheid zählte weitere Vorteile der neuen Technologie auf. Sie sei wettbewerbsfähig mit fossilen Brennstoffen. Und die erwartete Effizienz sei bis zu dreimal höher als bei herkömmlichen Windkraftanlagen an Land. Zudem würde die Landschaft nicht so in Mitleidenschaft gezogen wie bei Windparks. Und schließlich würden bei der Höhenwindanlage bereits erprobte Technologien wie Elektroloks und Schiffsantriebe eingesetzt.

Gemeindevertreter wie Gäste hatten jede Menge Fragen, die die NTS-Geschäftsführer anschaulich beantworteten. So wollten die Sülstorfer zum Beispiel wissen, was passiert, wenn kein Wind weht, oder aber zu stark. Wie wird das System gestartet? Gefährden die Anlagen den Flugverkehr? Ist es nicht sinnvoll, die Anlagen auf dem Meer zu betreiben und wie ist es um die Sicherheit bestellt? Wie hoch ist der Platzbedarf?

Die aber wohl wichtigste Frage war diese: Gibt es Erfahrungen mit einer vollwertigen produktiven Anlage, die man sich anschauen kann? Die Antwort: nein. Das Berliner Forschungs- und Entwicklungsunternehmen hat in Friedland eine Versuchsanlage für ein solches Höhenwindkraftwerk errichtet – auf einer Länge von 400 Metern, noch nicht in einem geschlossenen Bahnsystem. Hier werde aber schon Strom aus Höhenwind erzeugt. Jetzt soll dort auch eine kleine vollwertige Anlage im Oval errichtet werden, erklärte Uwe Ahrens. Diese Technologie fände auch im Ausland großes Interesse, etwa in Kasachstan, Dänemark oder Südafrika. Als Lokalpatriot aber würde er es gern sehen, wenn die Technologie zuerst in Deutschland genutzt würde. Deshalb sei das Unternehmen deutschlandweit unterwegs, um für das Projekt zu werben. Und Ahrens sagt auch dies: Damit die Wertschöpfung vor Ort bleibt, solle dort, wo die Anlage installiert wird, auch die Produktion der Steuerungseinheiten erfolgen. Dies habe man der Schweriner Landesregierung gegenüber auch so angekündigt.

Bei Boldela, so Ahrens, könne er sich vorstellen, eine wirtschaftliche Anlage zu errichten. Die Windverhältnisse würden dies hergeben. Die Kontakte zur Gemeinde seien über die Landesregierung zustande gekommen. Das Unternehmen war bereits vor anderthalb Jahren schon einmal mit dem Projekt hier und warb dafür. Allerdings ohne ein endgültiges Ergebnis zu erzielen. Jetzt nach den Kommunalwahlen mit zum Teil neuen Gemeindevertretern wolle man sich mit dem Projekt weiter beschäftigen, erklärte Bürgermeister Horst Busse gegenüber SVZ. Und geht es nach ihm, soll es weitere Informationsveranstaltungen zur X-Wind-Technologie geben. Die Gemeinde allein könnte eine kommunale Fläche von 36 Hektar bei Boldela am Alten Hamburger Frachtweg dafür verpachten.

Die Sülstorfer bzw. Boldelaer lehnen das Projekt nicht gleich ab. So meint Dieter Janko aus Boldela zum Beispiel: „Ich würde diese Anlage gegenüber einem Windrad bevorzugen. Sie birgt nicht so viele Nachteile.“ Und Klaus-Dieter Raschpichler meint: „Dies hört sich alles besser an als das Projekt mit den Windriesen, die bei uns in der Nähe gebaut werden sollen.“




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