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Hilfe in Lübstorf : Wenn das Leben wieder schön wird

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ehemaligentreffen in der Lübstorfer Klinik am Schweriner See: Dabei blickte auch Renato Stange auf seine Geschichte zurück

Das psychische Loch, in das Renato Stange fiel, war tief. So tief, dass er aus eigener Kraft nicht mehr herauskam. Angst und Alkohol waren seine ständigen Begleiter. Sie hatten ihn fest im Griff. Alleine, war er sich irgendwann sicher, werde er sie nicht mehr los. Niemals. Er brauchte Hilfe von außen – und fand sie auch in der Median Klinik in Lübstorf. Dort traf er auf Menschen, die so wie er die Kontrolle über das eigene Leben verloren hatten. Ihre Begleiter waren Glücksspielsucht oder Internetabhängigkeit, Depressionen oder Erschöpfungszustände. Erst im Februar beendete der 46-Jährige seine dreimonatige psychosomatische Tagestherapie in Lübstorf. sie war mit dafür verantwortlich, dass er wieder festen Boden unter den Füßen bekam. Jetzt, ein halbes Jahr später kehrte er zurück in die Klinik. So wie Hunderte andere auch, die im Sommer noch einmal kommen, um beim Ehemaligentreffen zu reden, zuzuhören und die Wegbegleiter wieder zu sehen, die es damals gut mit ihnen meinten. Und wer Renato Stange fragte, dem erzählte er auch seine Geschichte. Er hat gelernt, offener mit ihr umzugehen.

„Ich hatte eine schöne Kindheit. Bis ich zwölf wurde“, sagt Renato Stange. Dann passierte etwas, dass er lieber nicht genauer beschreiben möchte. Nur so viel: „Es ist schlimm gewesen.“ Was geschah, wurde nie richtig aufgearbeitet. „Ich wollte niemanden mit meinen Sorgen belasten. Alles blieb bei mir“, sagt Stange, der das Trauma verdrängte, um einfach nur weiterleben zu können. Er wurde Koch. Sein Wunschberuf. Er verliebte sich, wurde Vater. „Irgendwas war anders. Ich konnte niemanden richtig an mich heranlassen, war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt und misstrauisch“. Die Beziehung zerbrach, Stange zog sich immer mehr zurück. Was ihm blieb, war der Sport. 1992 ließ er sich zum Polizeibeamten ausbilden. 15 Jahre später nahmen er und seine Kollegen einen schweren Verkehrsunfall auf. Ein Kinderwagen wurde überrollt, die Zwillingskinder starben. Ein Schock für den jungen Polizisten und wohl das Schlüsselereignis dafür, das die verdrängten Geschehnisse aus der Kindheit wieder hervorrief. Ängste von damals, Albträume und Schlaflosigkeit bestimmten seit dem sein Leben. Konnte er vor dem Unfall seine Gedanken und Gefühle noch kontrollieren, war das danach nicht mehr möglich. Der Teufel Alkohol kam, seine Freunde gingen und selbst beim Drachenbootrennen war kein Platz mehr für ihn im Boot. „Alkoholisiert war ich gar nicht mehr in der Lage, um Bestzeiten zu paddeln.“ Bald konnte er auch seine Arbeit als Polizeibeamter nicht mehr ausführen – fiel in das tiefe Loch.

Er begann in Wismar eine Alkoholabstinenzbehandlung mit Psychotherapie. Es half ihm, wieder auf Menschen zugehen zu können. Theaterbesuche, Konzerte. Die schönen Seiten des Lebens waren wieder da. Danach führte sein Weg in die Lübstorfer Klinik. Er lernte weitere Anwendungen kennen, die ihm bei der Bewältigung seiner Ängste halfen. „Die Gruppentherapie war sehr hilfreich für mich“, so Stange. „Zum ersten Mal fühlte ich mich gut aufgehoben, weil meine Mitpatienten ja auch mit ähnlichen psychischen Problemen zu kämpfen hatten.“ Renato Stange ließ sich in die Behandlung mit Einzel- und Gruppentherapien ein, konnte endlich über seine schlimmen Erfahrungen sprechen. Wenn er mal für sich sein wollte, zog er sich zurück und genoss die Ruhe an der nahe an der Klinik gelegenen Bootsanlegestelle. Hier konnte er über seine Zukunft nachdenken und Pläne schmieden.

Heute lebt Renato Stange immer noch allein. Inmitten seiner Nutztiere, um die er sich gerne kümmert. Er arbeitet wieder als Polizist und baute sich einen neuen Freundeskreis auf. Er denkt gerne an die hilfreiche Zeit in der Klinik zurück. Erinnert sich an schwere und schöne Erlebnisse. Ganz nach dem Motto seiner ehemaligen Mitpatientin Steffi, ist auch Renato Stange wieder soweit, um sagen zu können: „Das Leben ist schön“.

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