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Zeitung für die Landeshauptstadt

18. August 2017 | 16:30 Uhr

Schwerin : Weltoffen nur auf Papier?

vom

Wenn in Schwerin Gewaltverbrechen passieren, schreibt die kommentierfreudige Internetgemeinde dem Täter schnell einen Migrationshintergrund zu. Wie weltoffen ist die Landeshauptstadt wirklich?

Schwerin | Muslimische Frauen, die mit Kopftuch durch Schwerin gehen, haben oft das Gefühl, seltsam angeschaut zu werden. Deutsche Freunde zu finden, fällt vielen immer noch schwer. Und wenn in Schwerin Gewaltverbrechen passieren, schreibt die kommentierfreudige Internetgemeinde dem Täter schnell - und meist fälschlicherweise - einen Migrationshintergrund zu. Wie weltoffen ist die Landeshauptstadt wirklich?

Seit dem 22. Februar gibt es das "Aktionsbündnis für ein friedliches und weltoffenes Schwerin". Im feierlichen Rahmen wurde es im Demmlersaal des Rathauses aus der Taufe gehoben. Initiatoren waren das Schweriner Bürgerbündnis für Demokratie und Menschlichkeit, Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow und die Initiative "WIR. Erfolg braucht Vielfalt". Zu den Erstunterzeichnern gehören u.a. Stadtverwaltung und Stadtvertretung, Unternehmerverband Norddeutschland Mecklenburg-Schwerin e.V., Deutscher Gewerkschaftsbund, Kreishandwerkerschaft Schwerin, SVZ, Stadtsportbund oder die Industrie- und Handelskammer. Für Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen und ein friedliches Zusammenleben aller Menschen in unserer Stadt wollen sich die Unterzeichner einsetzen. Mehrere öffentlichkeitswirksame Aktionen liefen mit viel Anfangseuphorie bis in den Mai - von Unterschriftensammlungen bis zur öffentlichen Lesung am Jahrestag der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten. Doch seitdem ist es erstaunlich still geworden um das Aktionsbündnis. Auf der Tätigkeits-Liste stehen zwar auch im Herbst Termine, doch da hat sich das Bündnis eher drangehängt als sie selbst erfunden: Das Rock-Festival "Laut gegen Rechts" wurde bereits 2006 im Vorfeld der Landtagswahlen MV ins Leben gerufen. Und die Gedenkstunde anlässlich der Wiederkehr der Pogromnacht am 9. November auf dem Schlachtermarkt ist ein jährlich wiederkehrendes Ereignis.

Dass es zum Ende des Jahres ein sehr viel ruhiger geworden ist um das Aktionsbündnis, räumt Heiko Lietz vom Bürgerbündnis für Demokratie und Menschlichkeit ein. 2012 könnte man offensiver Flagge zeigen gegen Rechts, so der Bürgerrechtler. Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow indes ist zufrieden mit dem ersten Jahr. "Das Aktionsbündis ist aktiv und präsent gewesen", resümiert sie. Vor der Landtagswahl im September habe es sich zurückhalten müssen, um nicht in die Mühlen der Parteipolitik zu geraten. Vieles sei in den Spätsommermonaten eher indirekt und im Hintergrund gelaufen. "Es gab im Bündnis die Vereinbarung, dass wir zum Beispiel bei einer öffentlichen Kundgebung der Rechten sofort laut und aktiv geworden wären", so die OB.

Leider habe man am Wahlergebnis im September dann erneut ablesen müssen, dass es rechte Tendenzen gibt, "die durch die ganze Stadt gehen. Aber die Positionen sind nicht verhärtet", betont Gramkow. Viele Protestwähler hätten im September ihr Kreuz bei der NPD gemacht. "Wir müssen jetzt ganz sensibel hingucken und versuchen Themen anzusprechen, mit denen wir auch diese Menschen von der Couch holen", erklärt Schwerins Oberbürgermeisterin. Ein Jahr nach der Gründung des Bündnisses für ein friedliches und weltoffenes Schwerin wollen die Beteiligten Anfang 2012 erste Bilanz ziehen und die weiteren Aktionen planen. Auf einer öffentlichen Veranstaltung soll auch der Frage nachgegangen werden, warum es eben nicht geschafft wurde, den Einzug der NPD in den Landtag und in die Köpfe der Menschen in MV zu verhindern.

Immer wieder Gesicht zu zeigen für Demokratie, Toleranz und Zivilcourage, das sei eine der "leisen" Strategien des Bündnisses, so Gramkow. Immerhin: Rund 740 Menschen, Vereine und Institutionen haben den Aufruf unterschrieben bzw. sind der Onlinepetition beigetreten. Ihr Name steht unter folgenden Sätzen: "Wir sind Schwerinerinnen und Schweriner, die nicht tatenlos zusehen, wie Dummheit und Hass das menschliche Zusammenleben, die Gastfreundschaft und die wirtschaftliche Entwicklung in unserer Stadt beeinträchtigen und wie Antidemokraten in die demokratischen Parlamente einziehen."

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erstellt am 27.Dez.2011 | 08:54 Uhr

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