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Neue Finanzierungsstruktur für Theater : Weiter geht es im Millionen-Drama

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Das "Eckpunktepapier" von Kultusminister Henry Tesch sollte die Bühnen zur Zusammenarbeit, am besten zur Fusion zwingen. Dafür sollte es bei den 35,8 Millionen Euro Zuschuss pro Jahr bleiben. Was ist daraus geworden?

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erstellt am 14.Jan.2011 | 08:58 Uhr

Schwerin | Theater in Mecklenburg Vorpommern ist teuer: 35,8 Millionen Euro steckt das Land pro Jahr in die Bühnen und Ensembles. Steuergeld, was sonst. Theater in Mecklenburg-Vorpommern ist preiswert: Mit nur 79,96 Euro muss im Nordosten die öffentliche Hand jede Theaterkarte bezuschussen. In jedem anderen Bundesland kommt die Hochkultur den Staat teurer. So oder so: Billig ist Theater in MV nie.

Rund zwei Jahre sind vergangen, seit Kultusminister Henry Tesch (CDU) das "Eckpunktepapier" vorgelegt hat. Die mehrfach veränderte Vorlage blieb einer Linie treu: Die Förderstrukturen sollten die Bühnen zur Zusdammenarbeit, am besten zur Fusion zwingen. Dafür sollte es langfristig bei den 35,8 Millionen Euro Zuschuss pro Jahr bleiben.

Und die Lage? In diesem Jahr wirken sich die auf Basis der Theaterdaten 2009 nach einem neuen Schlüssel berechneten Zuweisungen - Zuschauerzahlen und Effizienz werden stärker berücksichtigt - erstmals erheblich aus. Nicht mehr nur 25 Prozent der Differenz zur alten Berechnung werden wirksam, sondern 50 Prozent. Auch hier helfen Partnerschaften beim Abfedern: Die Zuschauerzahlen der sich anschließenden Bühnen gehen in die Gesamtberechnung ein. "Ohne unsere Fusion mit Rostock hätte das dortige Volkstheater noch 200 000 Euro mehr Zuschüsse verloren", erklärt Thomas Ott-Albrecht, Intendant des Landestheaters Parchim. Sein Haus hatte gerade noch bis Jahresende den Zusammenschluss unter Dach und Fach gebracht. "Deshalb blicken wir relativ sonnig ins neue Jahr", sagt Ott-Albrecht. Kein Wunder: Durch die vom Bildungsministerium anerkannte Fusion ist der jährliche Zuschuss von 1,15 Millionen Euro gerettet - ohne die laut Theater-Erlass der Landesregierung drohenden Kürzungen für alleinstehende Einspartenbühnen.

So weit ist Anklam noch nicht: Die Vorpommersche Landesbühne bildete zwar eine Management-Gesellschaft mit dem Theater Vorpommern, aber die ist noch nicht in trockenen Tüchern. "Das liegt jetzt zur Prüfung im Ministerium", so Intendant Wolfgang Bordel auf Nachfrage unserer Zeitung.

Nur das Staatstheater Schwerin - rund 180 000 Zuschauer im vergangenen Jahr - steht noch allein, alle anderen Bühnen sind enge Partnerschaften eingegangen. Zwar wollte das Staatstheater mit der Landesbühne Anklam fusionieren, aber das Kultusministerium lehnte ab. Generalintendant Joachim Kümmritz rechnet trotz der guten Zahlen seines Hauses - 4,3 Millionen Euro Eigeneinnahmen, rund 20 Prozent Einspielquote - mit rund 80 000 Euro weniger Zuschuss. "Wir werden bestraft für gute Arbeit", sagt Kümmritz. Hintergrund: Das Staatstheater hat eine hohe Einspielquote, ist effizient - hat aber keine Partnerbühne, deren Zuschauerzahlen mit in die Zuschuss-Berechnung einfließen. 9 594 589,20 Euro bekommt das Staatstheater vom Land.

In das Volkstheater Rostock fließen laut Berechnungstabelle des Innenministeriums 9 199 695,26 Euro, rund 1,4 Millionen spielte das Haus nach Angaben von Pressesprecher Jürgen Opel im vergangenen Jahr selbst ein - bei 141 000 Besuchern.

Die Theaterlandschaft sei endlich in Bewegung geraten, hatte sich Tesch noch im November attestiert (wir berichteten). Nur: Gerade im personalkostenintensivsten aller Bereiche, bei den Klangkörpern, ist in den vergangenen zwei Jahren wenig geschehen. "So lange die Orchester-Frage nicht geklärt ist, bleiben alle bisherigen Änderungen nur Herumdoktern an den Symptomen", sagt Wolfgang Bordel. Allerdings sei es völlig richtig, dass die Landesregierung die Effizienz und den Publikumserfolg der Bühnen bei den Fördergeldberechnungen berücksichtige. "Theater ist eine Dienstleistung am Menschen", so der Anklamer Intendant: "Man muss sich vor dem Publikum verbeugen. Nur darf der Arsch dabei nicht der höchste Punkt sein."

Und wenn Innen- und Kultusministerium das Zusammengehen mit dem Theater Vorpommern nicht absegnen? Dann, so Bordel, "sind wir bereit, wie Michael Kolhaas bis zum Äußersten zu gehen". Aber er vermute, dass Politik und Bühnen spätestens 2012 "wieder in den Ring steigen".

Auch Staatstheater-Intendant Kümmritz erwartet, dass es nicht bei der derzeitigen Theaterpolitik bleibt: "Im September ist ja Landtagswahl." Eine neue Regierung werde wohl nicht darum herumkommen, so Kümmritz, endlich eine wirkliche Theaterreform auf die Beine zu stellen.


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