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Zeitung für die Landeshauptstadt

20. November 2017 | 18:33 Uhr

Experiment : Was Macht aus Menschen macht

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Theater im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis: Zwölftklässler der Schweriner Waldorfschule führen „Das Experiment“ auf

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erstellt am 10.Okt.2014 | 16:00 Uhr

Weststadt Bewusst habe sie sich für die Rolle als Gefängniswärterin entschieden, sagt Elisabeth Scholz. „Das ist eine sehr ferne Seite von mir“, so die 17-Jährige. „Fremdgesteuert zu sein, sich an Autoritäten zu heften, einer Ideologie zu folgen, das eigene Denken aufzugeben: Ich wollte  sehen, was  dadurch mit mir passiert.“  Elisabeth macht beim Theaterstück „Das Experiment“ mit, das Zwölftklässler der Schweriner Waldorfschule bis  Sonntag im  ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis am Demmlerplatz aufführen.

„Das Experiment“ hat einen durchaus realen Hintergrund. Es basiert auf einer Bearbeitung des so genannten Stanford-Prison-Experimentes, das 1971  an der Stanford University in Kalifornien stattfand. In diesem Versuch ging es um die Frage, wie sich  freiwillige Testpersonen als Häftlinge und Wärter in einem simulierten Gefängnis benehmen.  Ergebnis: Die erschreckenden Verhaltensweisen der Wärter führten  zum vorzeitigen Abbruch des Experimentes.

„Die Schüler haben sich dieses Stück ausgesucht, weil sie die Story gefesselt hat“, erklärt der Lehrer und Theaterpädagoge Christoph Bai.  26 Jugendliche wirken unter seiner Regie als Schauspieler mit. Dazu kommen noch Schüler, die als Techniker, Requisiteure und Maskenbildner mitmachen.  In der Realität  wurde das Gefängnis-Experiment nach sechs Tagen abgebrochen. Das Theaterstück der Waldorfschüler dauert immerhin 100 Minuten. Für die Jugendlichen eine besondere Herausforderung: Sie müssen eine Menge Text lernen. „,Das Experiment‘ ist    reines Sprechtheater“, betont Bai.

Was Macht aus Menschen macht, was geschieht, wenn der Einzelne seine Verantwortung an ein System abgibt – darum gehe es im „Experiment“, erklärt der Theaterpädagoge. Insofern gäbe es auch einen engen Bezug zum früheren Stasi-Untersuchungsgefängnis. Dort hätten die Wärter die Vorgaben der Obrigkeit  einst rigoros durchgesetzt, so Bai.

Dass die Waldorfschüler die ehemalige Haftanstalt, in der heute das Dokumentationszentrum des Landes für die Opfer der deutschen Diktaturen seinen Sitz hat, als Bühne nutzen, ist also kein Zufall.  Das Gebäude am Demmlerplatz sei bereits in der NS-Zeit und später auch in den Jahren der Sowjetischen Militäradministration ein Ort staatlicher Repression gewesen, berichtet Heike Müller  vom Dokumentationszentrum.  „Es war aber auch immer ein Ort, an  dem Häftlinge über das staatlich angeordnete Maß hinaus drangsaliert wurden.“ Die Zwölftklässler der  Waldorfschule hätten sich  sehr intensiv mit der Geschichte des Hauses auseinandergesetzt, unterstreicht Müller.

In der Kulisse des Gefängnisses, in Zellen und vergitterten Gängen ein Theaterstück zu spielen, sei eine besondere emotionale Erfahrung, sagt der Schüler Hauke Nienkerk, der im „Experiment“ in die Rolle des Versuchsleiters schlüpft, der den Entgleisungen der fiktiven Gefängniswärter hilflos gegenübersteht.

Insgesamt achtmal werden die Waldorfschüler „Das Experiment“ bis kommenden Sonntag im Dokumentationszentrum aufführen. Das Interesse an dem diesjährigen Theaterprojekt der zwölften Klasse war so groß, dass die jeweils rund 50 Plätze für die Vorstellungen bereits vergeben sind.

 

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