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Zeitung für die Landeshauptstadt

24. Oktober 2017 | 04:28 Uhr

Debatte ums Kulturland MV : Was ist uns Kunst wert?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kulturland MV? Podiumsdiskussion sucht gesellschaftlichen Konsens zur Rolle der Kultur und mahnt Orientierung am Bedarf an

svz.de von
erstellt am 17.Jan.2014 | 12:00 Uhr

Ist eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion, die mehr Fragen aufwirft als sie Antworten gibt, gut oder schlecht? Erreicht hat die spannende Debatte am Mittwochabend vor mehr als 300 Zuhörern im Theater zumindest, dass die Suche nach einem gesellschaftlichen Konsens zur Rolle, die die Kultur künftig in MV spielen soll, beflügelt wurde. Und die teils kontroversen Positionen sorgen für Gesprächsstoff, wie sich gleich anschließend zeigte.

Inspiriert von der Ständigen Konferenz der Theaterintendanten des Landes hatte die Kulturpolitische Gesellschaft MV den Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins und Präsidenten der Bayerischen Theaterakademie, Professor Klaus Zehelein, den Honorarkonsul Horst Rahe von der Deutsche Seerederei, Mitbegründer der Musikfestspiele MV, die Rektorin der HMT Rostock, Dr. Susanne Winnacker, und den Journalisten und Kunstmazen Christoph Müller eingeladen, um über Perspektiven für die Entwicklung der Kulturlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern zu diskutieren. Die Moderation übernahm die Direktorin des NDR Landesfunkhauses, Elke Haferburg. Nicht das Geld, sondern der Wert von Kultur sollte im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion stehen.

Diesem Ziel konnte die Veranstaltung jedoch nicht gerecht werden, zu übermächtig scheint derzeit der Druck auf die Akteure, die in diesem Bereich unterwegs sind. Dennoch: „Eine öffentliche Debatte kann hilfreich sein, die uns selbst, aber auch die Verantwortlichen zum Nachdenken anregt“, sagte der Gastgeber, Schwerins Theaterintendant Joachim Kümmritz. Das Podium gab sich denn auch Mühe, den Blick zu weiten und sich nicht in Finanzdebatten verwickeln zu lassen. „Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens darüber, was wir an Kunst und Kultur haben wollen als Gesellschaft“, sagte Rahe. Zuerst müsse dieser Konsens gefunden werden und erst dann sollte über die Finanzierung debattiert werden.

Wie viel Konsens und zu welchen Bereichen bereits erreicht ist, blieb die Runde schuldig. Winnacker verwies mit Stolz darauf, dass ihre Hochschule hohe Akzeptanz in Rostock und in MV habe. „Es ist wirklich erstaunlich, aber die Leute lieben die HMT“, sagte sie. Auch Müller vermerkte, dass er bei den zahllosen Führungen im Museum immer wieder überrascht sei vom „Wir-Gefühl“, von der Identifikation vieler Schweriner mit „ihrem“ Museum. Dennoch sei die Problematik sehr differenziert zu betrachten. Das machte er an einem Statistik-Beispiel fest: Eine repräsentative Umfrage zum Interesse an klassischer Musik hätte ergeben, dass nur zehn Prozent der Bevölkerung sie gern hören, aber 87 Prozent sie für unverzichtbar halten. Interesse an Kunst lasse sich nicht erzwingen, wohl aber wecken, betonte Müller. Aber auf dem Weg dahin gäbe es wahrlich noch viel zu tun.

Das bestätigten auch andere Diskutanten gern. Aus dem Publikum meldete sich Dr. Klaus Gollert und verwies darauf, dass nur zwei der 16 Bundesländer das Darstellende Spiel nicht im Kanon der Unterrichtsfächer haben – und leider gehöre Mecklenburg-Vorpommern dazu. Gollert aber auch Zehelein mahnten nachdrücklich an, dass es Aufgabe der Landespolitik sei, dies zu ändern. Wie dringlich dies nötig ist, machte die Wortmeldung einer Schülerin deutlich. Sie verwies darauf, dass der Zugang zu Kunst und Kultur in der Schule falsch oder gar nicht vermittelt werde.

Handlungsbedarf bei der Landespolitik sahen die Diskutanten generell bei der Kulturförderung im Kontext mit der Diskussion über Perspektiven für das Land. Abwanderung lasse sich nicht mit Kulturanbbau stoppen, betonte Zehelein. Da helfe auch kein Zahlenspiel. Rahe legte nach: „Wer Erträge haben will, muss investieren. Das trifft auch auf ein Land zu“, sagte der Mitbegründer des Festspiele MV.

Im Gegensatz zu Winnacker, die nachdrücklich eine bessere finanzielle Ausstattung der HMT forderte, sieht Rahe aber auch die Künstler und Kulturschaffenden in die Pflicht. Auch sie müssten sich bewegen, sich am Bedarf orientieren. „Geschützt und gefördert werden müssen nicht der Kulturapparat und auch nicht die kleine Initiative an sich, sondern genau das, was die Leute wollen“, so Rahe. Auch Kunst müsse sich am Bedarf orientieren. Müller hielt dagegen, dass Nachfrage geweckt werden müsse und Zehelein betonte, dass Kultur immer auch die gesellschaftliche Atmosphäre beeinflusse.

Einig waren sich schließlich alle, dass die Förderung von Kunst und Kultur weder von den Kommunen noch vom Land oder dem Bund alleine getragen werden könne, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. Bleibt die Frage, was uns Kunst wert ist. Zehelein verwies auf einen Fund aus der Steinzeit, eine 40 000 Jahre alte Knochenflöte. „Offensichtlich war die Musik unseren Vorfahren so wichtig, dass die Steinzeit-Sippe ein Mitglied mit Nahrung, Kleidung und Wohnung versorgte, um sich an der Musik zu erfreuen.“

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