zur Navigation springen
Zeitung für die Landeshauptstadt

21. November 2017 | 09:21 Uhr

Gedenktag für verstorbene Kinder : „Warum Anton?“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jenny Apelt hat vor viereinhalb Jahren ihren Sohn verloren, der mit einem schweren Immundefekt zur Welt kam. Mit einem Buch will sie anderen Eltern Mut machen.

svz.de von
erstellt am 11.Dez.2015 | 08:00 Uhr

Anton fehlt. Immer. Aber es gibt Tage, an denen seine Familie besonders schwer ertragen kann, dass er nicht mehr da ist. Am Montag, wenn seine Mutter in Klein Rogahn bei Schwerin ihren 33. Geburtstag feiert, wird es so sein. Und natürlich Weihnachten. „2008 war ich Weihnachten mit Anton schwanger – und habe mir in den schönsten Farben ausgemalt, wie es sein würde, wenn wir vom nächsten Jahr an mit ihm zusammen feiern“, erinnert sich Jenny Apelt. Doch ihr Sohn, der im Juli 2009 zur Welt kam, erlebte nur zwei Weihnachtsfeste – beide verbrachte er im Krankenhaus.

Bereits wenige Wochen nach der Geburt bemerkten die Eltern, dass mit dem Kleinen etwas nicht in Ordnung war. Er trank nicht, war ständig von Bauchschmerzen geplagt, hatte schwere Durchfälle. Bis zum November währte die Ungewissheit, dann folgte der Schock der Diagnose: Anton litt an einem schweren kombinierten Immundefekt. Jede kleine Infektion war für ihn lebensbedrohlich. Eine Knochenmarktransplantation, so erklärten die Ärzte, sei seine einzige Überlebenschance.

„Warum Anton? Warum unser süßer kleiner Knopf?“, hätten sie sich immer wieder gefragt, erzählt Jenny Apelt. Heute wirkt die Lehrerin äußerlich gefasst, damals hätten sie, ihr späterer Mann und ihre Eltern viel geweint, gesteht sie.

Letztlich wurde dem Knirps sogar zweimal Knochenmark transplantiert, beim ersten Mal das seiner Mutter. Trotzdem wurde er nur ein Jahr und zehn Monate alt. Mehr als die Hälfte dieser Zeit verbrachte er in Krankenhäusern. „Aber Anton wollte leben, er hat jeden Tag dafür gekämpft“, erzählt seine Mutter. „Und er war so ein kleiner Strahlemann, trotz all der schlimmen Schmerzen. Ich frage mich bis heute, woher er die Kraft dazu genommen hat.“ Tatsächlich zeigen die Bilder in seinem Elternhaus Anton nur lächelnd – auch wenn er auf fast allen eine Nasensonde trägt und auf vielen von der Erkrankung und den Therapien sichtlich gezeichnet ist.

Nach der ersten Knochenmarktransplantation begann Jenny Apelt, Tagebuch zu führen. Schon vorher hatte sie vieles aufgeschrieben, was ihr im Zusammenhang mit Antons Krankheit wichtig war, „weil die Krankenhaustage so lang waren, und weil ich den Überblick behalten wollte.“ Schon relativ früh hätte sie sich auch überlegt, das alles in Buchform herauszubringen –„weil Antons Krankheit so selten ist und auch, weil ich anderen Eltern Mut machen wollte.“ Außerdem hätte sie viele Dinge in Krankenhäusern und mit der Krankenkasse erlebt, die sie anders nicht verarbeiten konnte. Doch so lange Anton lebte, fehlten Zeit und Kraft für dieses Vorhaben. Erst in diesem Jahr kam das Buch „Wir hätten dich sonst sehr vermisst“ heraus.

Nach Antons Tod seien ihr Mann Michael und sie in ein tiefes Loch gefallen, erzählt Jenny Apelt. Erst durch eine spezielle Reha für verwaiste Eltern seien sie wieder etwas zur Ruhe gekommen – und hätten den Mut gefunden, noch einmal ein Kind zu bekommen. Ihre Tochter ist inzwischen drei Jahre alt – und gesund. Sie weiß von ihrem großen Bruder, versteht aber noch nicht, was es bedeutet, dass er tot ist. „An seinem Geburtstag fragte Friederike zum Beispiel, ob Anton denn auch zum Kaffee kommt“, erzählt Jenny Apelt schmunzelnd.

Friederike weiß auch, dass sie bald einen kleinen Bruder bekommen wird. Jenny Apelt erwartet ihr drittes Kind im Januar – und ist genauso nervös wie in den anderen Schwangerschaften. Denn erst vor zwei Wochen hat sie erfahren, dass der Gendefekt, der Antons Erkrankung zugrunde lag, nur von der Mutter übertragen wird. Und: Der schwere kombinierte Immundefekt bricht nur bei Jungen aus. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch ihr zweiter Sohn daran leiden wird, läge zwischen 0 und 50 Prozent, haben die Ärzte ihr gesagt. „Aber von 100 000 oder sogar 200 000 Kindern kommt nur eins damit zur Welt, in Schwerin und Umgebung also erst in hundert Jahren wieder eins“, versucht sich Jenny Apelt Mut zu machen. Diesmal wäre sie immerhin vorbereitet: Das Ergebnis einer Fruchtwasseruntersuchung wird nächste Woche Klarheit bringen. „Wenn man früh um die Krankheit weiß, kann man auch sehr viel früher transplantieren“, macht sie sich Mut, „und dann liegen die Erfolgschancen bei 96 Prozent“.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen