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25. November 2017 | 06:57 Uhr

Schwerin : Wann explodiert der Ziegelinnensee?

vom

Eine Schute voller Weltkriegsmunition hatten die Alliierten auf dem Schweriner Ziegelinnensee über Bord gekippt. Stadt, Land und Bund unternehmen nichts, um sie zu bergen - jetzt werden die Kommunalpolitiker aktiv.

svz.de von
erstellt am 10.Apr.2013 | 07:06 Uhr

Schwerin | "Da sollen noch mehrere Kisten Munition liegen. Dem letzten, der dort getaucht ist und durch die wachsamen Anlieger erwischt wurde, wurde nicht nur die ganze Ausrüstung, sondern auch gleich das Auto beschlagnahmt. Eben alles was mit der Ausübung einer Straftat zu tun hatte… armer Kerl." Das schrieb ein "HHRadi" bereits im Juni 2001 in einem Diskussionsforum im Internet über Raubtaucher im Ziegelsee, die dort Weltkriegsmunition herausholen. Geändert hat sich an der Situation seither nichts. Eine ganze Schute voller Waffen, Granaten und Patronen hatten die Alliierten in und um Schwerin eingesammelt, auf den Ziegelinnensee gefahren und über Bord gekippt. Mehr als 70 Tonnen sollen es sein. Die gefährliche Hinterlassenschaft liegt immer noch auf dem Seegrund (SVZ berichtete).

Alle Versuche, die Altlast aus dem See zu holen, scheiterten bisher - am Geld. Die hochverschuldete Stadt kann nicht bezahlen, das Land und der Bund wollen nicht bezahlen und schieben sich die Verantwortung für die Finanzierung gegenseitig zu. "Im Moment gibt es keinen neuen Stand von Seiten der Stadt", sagt Baudezernent Wolfram Friedersdorff. Und aus dem Innenministerium heißt es: "Für uns ist die Sache erst einmal abgeschlossen", so eine Sprecherin. Das Ergebnis der kurz aufgeflammten Diskussion: Bis heute sind offenbar Taucher illegal unterwegs, um Waffennarren mit dem Weltkriegserbe zu versorgen. Wie der Zustand der alten Granaten und der anderen explosiver Dinge dort unten auf dem See grund ist, weiß auch keiner 100-prozentig zu sagen, schon gar nicht, ob hochgiftige Chemikalien vielleicht schon ins Wasser gelangt sind. Immerhin ist der See in die vierte von fünf möglichen Gefahrenklassen eingestuft worden.

Nachdem Baudezernent Wolfram Friedersdorff mit dem Innenministerium gesprochen hatte, der Innenstaatssekretär daraufhin an das Bundesverkehrsministerium schrieb und das keine unmittelbare Gefahr sah, ruht jetzt still der See. "Es gibt keine neuen Aktivitäten", bestätigt Friedersdorff. Das könnte sich aber bald ändern. Für die Stadtvertretung bereitet die Fraktion SPD-Bündnis 90/Die Grünen einen entsprechenden Antrag vor. Danach soll die Oberbürgermeisterin "in geordneter Form" einen Fragenkatalog abarbeiten. Die Stadtvertreter wollen wissen, wo, wie viel von welcher Munition verklappt wurde oder wo welche vermutet wird. Mindestens drei Fachfirmen sollen einschätzen, wie teuer die Bergung werden würde. Bisher hieß es lediglich, dass es Millionen kosten könnte, die Munition aus dem See zu holen. Die SPD-Grünen-Fraktion begründet ihren Antrag auf Auskunft mit der geänderten Nutzung der am Ziegelinnensee liegenden Flächen, was auch eine andere Nutzung der Wasserfläche durch "Boote, Schwimmer und andere Freizeitaktivitäten" nach sich ziehen würde. Außerdem sei "der See B-Plangebiet für die Errichtung von Steganlagen und Liegeplätzen von schwimmenden Häusern". Eine Neubeurteilung der Altlastensituation werde somit erforderlich.

Einen Schritt weiter geht die CDU/FDP-Fraktion mit einem Antrag zum selben Thema. Danach soll die Stadt eine "unmittelbare Gefahr im Sinne des Kriegsfolgengesetzes" feststellen. Es bestehe "Gefahr für Leben und Gesundheit der Menschen". Die Oberbürgermeisterin soll sich deshalb gegenüber dem Land und dem Bund stark machen für die Anerkennung der "genannten unmittelbaren Gefahren". Die Fraktion sieht das Problem dabei gar nicht so sehr bei Raubtauchern. Vielmehr stellten "die aus chemisc hen, photolytischen und mikrobiellen Prozessen entstandenen Sekun därsub stanzen eine Gefahr für Leben jeglicher Art dar". Soll heißen: Je länger die Altlasten im See bleiben, um so gefährlicher werden sie.

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