Vorhang auf: Es lebe die Provinz!

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23. Mai 2013, 06:45 Uhr

Es war einmal eine Fürstin, die hielt ihr winziges Reich für etwas ganz Besonderes und erklärte es kurzerhand zur Kulturhauptstadt des Nordens. Ihre Berater mussten sich ganz schön anstrengen, um sie zu überzeugen, dass es in den Nachbarreichen viel mehr Kulturangebote gab. Doch die Fürstin war ein trotziges Goldköpfchen. Wenn schon keine Hauptstadt, so wollte sie wenigstens über die Kulturstadt des Nordens gebieten. Aber ach, ausgerechnet der Prinzipal ihres geliebten Theaters zeigte ihr, dass er von der großen Kultur so gar nichts hält. Der hatte in vielen Jahren dem Volk immer wieder ein großartiges Spektakel geboten und unter freiem Himmel Opern von Giuseppe Verdi aufführen lassen. Doch ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Welt den 200. Geburtstag des italienischen Tonkünstlers zelebrierte, bot der Prinzipal dem Volk eine gar kurzweilige Operette. Um viel Publikum anzulocken, wurde sogar ein alternder einstiger Fernsehstar für eine klamaukige Rolle engagiert. Und auch Richard Wagner ließ der Prinzipal links liegen. Genau an dem Tag, als alle Welt den 200. Geburtstag des Künstlers feierte, ließ er sein eigenes Orchester hoch leben. Dessen 450. Jahrestag der Gründung war ihm wichtiger. Kein einziger Ton des gebürtigen Leipzigers erklang in dem einst als Wagnerstadt bezeichneten Reich. Statt dessen gab der Prinzipal ein Schweriner Konzert bei einem noch lebendem Komponisten in Auftrag, auf dass das Orchester sich selbst feiern könne. Es erklang dann auch ein großartiges Werk, in das die Klagen des Orchesters und des Theaters kunstvoll in Tönen eingewoben waren. Denn dem Haus fehlte es an Geld. Die Fürstin war aber auch immer klamm und konnte deshalb ihrem geliebten Kulturtempel nicht mehr Taler geben. Statt dessen schaute sie gierig auf die Schatulle des Kaisers. Der aber hielt seine Kasse fest verschlossen. Doch es lag nicht nur am Geld. Es gab am Theater auch nicht die großen Stimmen, die es für Wagner- und Verdi-Opern braucht. Und Ideen, wie den großen Komponisten trotzdem gehuldigt werden könnte, gab es auch nicht. Und wenn auch die Fürstin ihr Theater für das beste, größte, schönste der Welt hielt, so trat das im Wagner- und Verdi-Jahr doch den Beweis an: Die Kulturstadt des Nordens ist eher Kultur-Provinz.

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