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Fahnenappell, Flaschen sammeln, Oblatentausch : Vor 60 Jahren in der Friedensschule

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gudrun Kreplin erinnert sich an den Beginn ihrer Schulzeit und erzählt vom Alltag damals in Schwerin

„Als ich in den vergangenen Tagen in Schwerin war, habe ich täglich die SVZ gelesen und mir überlegt, von einem Treffen zu berichten. Vielleicht macht mein Text anderen Mut, auch zur Feder zu greifen“, schreibt Gudrun Kreplin.

„So, jetzt nehmt ihr alle eure Schultüten und versammelt euch auf der Treppe vor der Schultür. Verwirrung macht sich breit, denn der eine oder andere hat gar keine Schultüte oder die Eltern tragen sie noch. Schon am ersten Schultag fällt es nicht leicht, zu verstehen, was Lehrer so wollen. Lehrer bleiben für Schüler immer ein Rätsel, nicht nur an diesem Freitag, dem 4. September 1953. Nun sind wir also Schulkinder. 40 zwängen sich allmorgendlich zwischen die engen hölzernen Schulbänke, die noch aus der Vorkriegszeit stammen und deren Spuren von artfremdem Gebrauch nicht zu übersehen sind. Splitter durchbohrten so manches kindliche Hinterteil mit schmerzhaften Folgen. Schließlich darf man nicht den ganzen Vormittag brav sitzen und zuhören. Nein, bei jeder Antwort hat der Schüler aufzustehen, Haltung anzunehmen und darf sich erst wieder setzen, wenn der Lehrer mit dem Wort „setzen“ dazu die Erlaubnis erteilt.

Auch das Schulgebäude, im neugotischen Baustil errichtet, wirkte Respekt einflößend. 1885 als Realgymnasium erbaut, stiefelten Generationen von Schülern durch das kalte Grau der Treppenhäuser. Im 2. Weltkrieg und danach diente es den Flüchtlingen oder einstigen Soldaten. Erst am 1. April 1950 traten wieder Schulanfänger durch die Türen. Wobei sie sorgsam getrennt nach Geschlechtern die Portale der drei Türen nutzten. Jungen betraten das Gebäude durch die mittlere Tür, Mädchen durch die Seitentüren des Haupteingangs.

Wir waren der dritte Jahrgang, der in gemischten Klassen unterrichtet wurde. Die kindlichen Pflichten reichten damals weit über die täglichen Hausaufgaben hinaus, die oft bei Stromsperre zu erledigen waren. Da hieß es zum Fahnenappell mit der passenden Kleidung und Haltung stramm zu stehen, Flaschen und Altmetall oder in den Herbstferien Kartoffeln auf den oft schon gefrorenen Feldern zu sammeln. Im Laufe der Schulzeit verschwand das Bild von Stalin an der Klassenzimmerwand. Dass Wilhelm Pieck sich an die Bürger der BRD gewandt hat, um ihnen die Augen über den Kapitalismus zu öffnen, erfährt der Schüler, doch dass in Australien eine Uranmine wieder die Förderung aufnimmt, erfährt man nicht.

Die Dinge, die am Rande eines Schulalltags geschehen, an die erinnert man sich gut. Da gibt es beispielsweise den Tausch von Oblaten heimlich in den Fünf- oder Zehn-Minuten-Pausen und die Eintragungen in das Poesiealbum. Schaut man nach über 60 Jahren hinein, erinnert man sich gern. Heute stehe ich wieder auf den Treppenstufen, allerdings auf denen zu einem Restaurant, aber aufgeregt bin ich wie damals, denn nur zwei der Mitschülerinnen habe ich zwischenzeitlich getroffen. Doch die Neugierde auf die Damaligen ist gewaltig. Die Überraschung ist umwerfend. Wie jung und dynamisch sie wirken, wie lebenslustig. Klar, denke ich, es sind die, die schon immer so waren, die anderen sind fern geblieben. Nicht vergessen darf man, dass auch einige nicht mehr am Leben sind. Da freut sich jeder Schüler, den Lehrer gleichberechtigt unter sich zu haben und ihn von Mensch zu Mensch zu befragen, nicht als Schüler. Solch eine Gelegenheit darf man sich einfach nicht entgehen lassen. Denn nur in Gemeinschaft kommen die Erinnerungen wieder, werden Erlebnisse relativiert. Nach der Schulzeit ist für jeden das Leben in unterschiedlichen Bahnen verlaufen. Es ist spannend zu erfahren, ob sich Wünsche oder Träume erfüllen ließen oder ob alles ganz anders gekommen ist.

Ich wünsche mir ein Klassentreffen mit allen damaligen Abc-Schützen, genauso aufgestellt wie damals auf der Treppe der Schweriner Friedensschule. “




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erstellt am 23.Apr.2014 | 12:00 Uhr

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