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Günter Grass las im Schweriner Theater aus seinen Werken : Von Grimm zu Grass zu Grimm

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Ralph Reichel muss bei der Begrüßung von Günter Grass keine großen Worte verlieren. Doch wird deutlich, dass die Lesung keine Selbstverständlichkeit in der sich gern als Kulturmetropole gerierenden Landeshauptstadt ist.

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erstellt am 10.Apr.2013 | 07:53 Uhr

Schwerin | Eine Szene noch vor der eigentlichen Lesung am Dienstagabend im Schweriner Theater beschreibt sehr schön das Selbstverständnis von Günter Grass. Er kommt in den prächtigen und bis zum letzten Platz besetzten Saal des Konzertfoyers, noch während das Musiktrio Artpassion spielt. Natürlich wird der Literaturnobelpreisträger von den mehr als 200 Gästen mit Beifall begrüßt. Er setzt sich. Als der letzte Ton verklungen ist, applaudiert das Publikum den Musikern. Und Grass, der diesen Applaus wie selbstverständlich als auf sich gemünzt empfindet, erhebt und verbeugt sich.

Chefdramaturg Ralph Reichel muss bei seiner Begrüßung keine großen Worte verlieren. Immerhin wird deutlich, dass diese Lesung eine gemeinsame Veranstaltung des Theaters, des Schleswig-Holstein-Hauses, wo gerade eine große Ausstellung mit Grass-Werken erfolgreich zu Ende gegangen ist, und dem Kulturbüro der Stadt ist - keine Selbstverständlichkeit in der sich gern als Kulturmetropole gerierenden Landeshauptstadt.

Dann liest Günter Grass aus "Grimms Wörter", dem dritten Buch seiner autobiografischen Trilogie. Er hat das erste und das vierte Kapitel ausgewählt, die sich den Buchstaben A und D widmen. "Eine Liebeserklärung" hat Grass dieses Buch im Untertitel genannt. Das trifft es. "Grimms Wörter" ist eine Verneigung vor den Brüdern Grimm, deren Leben er erzählt. Eine Liebeserklärung auch an die deutsche Sprache und die Buchstaben, aus denen sie besteht. So wie die Grimms dem Deutschen von A bis F auf den tiefsten Grund gingen, eine Lebensaufgabe, bei der sie sich gehörig verzettelten, näherte sich Grass den Märchenbrüdern Buchstabe um Buchstabe, abschweifend über die Jahrhunderte bis in die Gegenwart zu Grass selbst. Und so ist "Grimms Wörter" auch eine Liebeserklärung von Günter Grass an - Günter Grass.

Als Vortragender ist der 85-Jährige noch immer ein Ereignis, wie er seine zu Literatur geronnenen Gedanken kraftvoll liest, dabei die Wörter geradezu abschmeckt und mit gelegentlichen Gesten unterstreicht: "Sogleich waren ihm zum geschenkten Apfel das Apfelgrau des Apfelschimmels, Orangen als Apfelsinen, der hessische Apfelwein, dann noch zum Apfelbaum…"

Beim Buchstaben D kommt Grass natürlich vom Däumling aus dem Grimm-Märchen zu einem anderen weltberühmten Wicht, der partout nicht wachsen wollte. "Sag danke, Oskar, sag danke!"

Die Lesung beendet Günter Grass dann mit einigen Gedichten aus seinem 2012 erschienenen Lyrikband "Eintagsfliegen", die sich nach der Arbeit an der autobiografischen Trilogie "angestaut" hatten, wie Grass verrät. Auch in diesem Band ein Gedicht, mit dem er Israel nach seinem Skandaltext "Was gesagt werden muss" erneut provozieren dürfte. In "Ein Held unserer Tage" preist der Nobelpreisträger den israelischen Nukleartechniker Mordechai Vanunu, der 1986 im Ausland das geheime Nuklearprogramm Israels öffentlich gemacht hatte. Versöhnlicher dichtet Günter Grass in "Trotz allem" über Deutschland:

"Liebebedürftiges Land/

dessen Sprache/ mitsamt

ihrer Schönheit/bei all dem Gerede

schwindet./ Lieblos fleißiges Land/

dem die Arbeit nie ausgeht/

weil Baustellen überall und zu groß./

Nach Liebe dürstendes Land,/

dessen Bewohner nicht müde

werden,/

vernarbte Wunden zu lecken./

Meiner Liebe gewisses Land,/

dem ich verhaftet bin,/

notfalls als Splitter im Auge."

Im Gespräch mit Ernst-Jürgen Walberg erlebt man dann Grass so, wie man ihn kennt, ein wenig grantelnd, ein wenig wütend und noch immer voller Ideen. Der Schließung oder Privatisierung von Kultureinrichtungen wie dem Schweriner Schleswig-Holstein-Haus müssten sich die Bürger selbst entgegenstellen, etwa durch die Gründung einer Genossenschaft, der er dann auch beitreten würde. Die Grimmsche Biedermeierzeit sei gar nicht so biedermeierlich gewesen. Ein Spitzelsystem breitete sich damals über ganz Europa aus, Duckmäuserei griff um sich und tut es auch heute noch. Man nenne es nur "sich bedeckt halten". Das ihm nach seinem Israel-Gedicht das Schild Antisemit angehängt wurde, macht ihn noch immer wütend, weil auf einmal alle seine in 60 Jahren entstandenen Werke ignoriert wurden. Und dass Berlin nie eine Hauptstadt und immer Provinz bleiben werde, sehe man doch an der dortigen Presse - Provinzpresse.

Dann geht Günter Grass mit seiner Flasche Rotwein durch den Saal und signiert seine Bücher, ein ums andere, bis jeder in der langen Schlange zufrieden ist.

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