Von der Slawenburg zum "Märchenschloss"

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Das Schweriner Schloss ist Mecklenburg-Vorpommerns bekanntestes Bauwerk und dies zu Recht. In keinem anderen Denkmal verkörpert sich die Geschichte des Landes so überzeugend wie hier und kein anderes Bauwerk wird von den Bewohnern des nordöstlichen Bundeslandes so geliebt wie das Schloss auf der Insel im See.

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01. September 2010, 05:53 Uhr

Die Archäologen konnten durch Bodenfunde eine Besiedlung der Insel schon in der jüngeren Steinzeit (ca. 15 000 v. Chr.) nachweisen. In slawischer Zeit wurde hier eine Grenzburg angelegt. Ob sie mit jener in einem Süßwassersee gelegenen Burg identisch ist, die der 965 durch das spätere Mecklenburg reisende jüdisch-arabische Gesandte Ibrahim ibn Jacub erwähnt, ist nicht sicher, aber wahrscheinlich. Die unter der Schlosskirche aufgefundenen Reste hölzerner Palisadenkonstruktionen sind immerhin dieser Zeit (9./10. Jahrhundert) zuzuordnen. Die anhand der Funde rekonstruierte Burg müssen wir uns als ringförmige Anlage mit einem umlaufenden, von Palisaden geschützten Erdwall und relativ bescheidenen hölzernen Bauten im Inneren vorstellen. So sah die Burg wohl auch noch aus, als sie der bedeutende Chronist Bischof Thietmar von Merseburg nach Erzählungen von Zeitgenossen in seiner Chronik von 1018 erwähnt.

Grenzburg der Obotriten1160 war die von den slawischen Obotriten gehaltene Grenzburg ein Ziel des in die ostelbischen Gebiete vordringenden Heeres des Bayern- und Sachsenherzogs Heinrich des Löwen. Angesichts der Übermacht der Eindringlinge zerstörten die Verteidiger ihre Burg selbst und zogen sich ins Landesinnere zurück. Heinrich erkannte ihre günstige strategische Lage, ließ sie wiederaufbauen und machte sie zum Sitz seines Statthalters. Ab 1167 residierten hier die Schweriner Grafen. Die nach der Einnahme der Burgruine gegründete Stadt Schwerin wurde der neue Bischofsitz. Als 1358 die zehn Jahre zuvor zu Herzögen ernannten Fürsten von Mecklenburg die Grafenwürde käuflich erwerben konnten und danach ihren Sitz von der Mecklenburg bei Wismar auf die Schweriner Burginsel verlegten, war dies ein weiterer wichtiger Impuls für die Herausbildung des politischen Zentrums des Landes an diesem Ort. Mit Ausnahme der Ludwigsluster Ära von 1764-1837 residierten die Landesherren hier bis zum Sturz der Monarchie im November 1918.

Sparsamer AusbauDie mittelalterliche Burg entwickelte sich baulich nur sehr langsam zu einer Gesamtanlage, die auch äußerlich das Aussehen einer landesherrlichen Residenz annahm. Über lange Zeit bestand die Burg aus Bauten, die fortifikatorischen und wohl ansatzweise auch repräsentativen Aufgaben dienten. Genauere Vorstellungen vom Aussehen der mittelalterlichen Burg haben wir nicht, Nennungen des Zeughauses 1350 oder eines Turmes 1374 vermitteln kein eindeutiges Bild. Sicher ist immerhin, dass der Grundriss der Anlage, ein um einen Binnenhof gruppierter unregelmäßiger fünfeckiger Baukörper, schon damals entstand.

Ein Teilungsvertrag aus dem Jahre 1520 listete erstmals genauer die Baulichkeiten auf. Darunter war auch eine Kapelle, deren Glocke heute im Nordostturm bei der Schlosskirche hängt; sie wurde 1464 gegossen und ist das bedeutendste erhaltene Sachzeugnis aus der mittelalterlichen Zeit des Schlosses. Erkennbar wird an der Auflistung auch, dass die Verteidigungsanlagen zugunsten gestiegener Wohnansprüche und repräsentativer Aufgaben reduziert wurden.

Diese Tendenz setzte sich fort, als im Zusammenhang mit der für 1555 geplanten Hochzeit Herzog Johann Albrechts I. ab 1553 nicht nur der Wismarer Fürstenhof, sondern auch das Schweriner Schloss modernisiert wurde.

Zur militärischen Sicherung des Hauses wurden vor den Gebäuden Befestigungen angelegt. Anstelle älterer Gebäude errichtete man auf der Seeseite das Neue Lange Haus mit der für Festlichkeiten nutzbaren Hofdornitz. An der Hofseite wurde ihm die repräsentative Obotritentreppe zugeordnet. 1560/63 ist die Schlosskapelle errichtet worden. Am Bischofshaus nahm man eine Neugestaltung der Fassaden vor. Zur künstlerischen Ausgestaltung der neuerbauten Renaissancegebäude wurden hervorragende auswärtige Künstler verpflichtet, so der Lübecker Ziegelmeister Statius von Düren für die Herstellung der an den Außenfassaden und in der Hofdornitz verwendeten Reliefterrakotten und sächsische Bildhauer für das Portal und das Innere der Kapelle. Die Fortsetzung des repräsentativen Ausbaues der Schweriner Residenz im frühen 17. Jahrhundert zu einer großartig geplanten Anlage in Spätrenaissanceformen durch den Baumeister Ghert Evert Piloot vereitelte nach hoffnungsvollem Beginn der Dreißigjährige Krieg.

Kontinuität zeigenEs verging etwa ein Jahrhundert, bis nach der Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Bau der Galerie zur Unterbringung der herzoglichen Kunstsammlung am Schloss weitergebaut wurde. In den etwa sieben Jahrzehnten, in denen der Hof in Ludwigslust residierte, wurde das Schloss baulich vernachlässigt. Als Großherzog Paul Friedrich die Residenz 1837 nach Schwerin zurückverlegte, plante er für sich einen Palaisneubau am Alten Garten. Sein früher Tod vereitelte diesen Plan.

Friedrich Franz II. entschloss sich 1842, die Kontinuität der landesherrlichen Präsenz durch den Einzug seiner Familie in den angestammten Sitz zu unterstreichen. Das war allerdings ohne einen eingreifenden Umbau nicht möglich. In mehreren Etappen entstanden die endgültigen Pläne für den Bau, an denen so namhafte Architekten wie Gottfried Semper, Friedrich August Stüler, Ernst Friedrich Zwirner, Georg Adolph Demmler und Hermann Willebrand beteiligt waren.

Nachdem etwa zwei Drittel der alten Bausubstanz abgebrochen und nur die Renaissancebauten erhalten wurden, ist von 1845 bis 1857 der bis heute bestehende historistische Prachtbau errichtet worden. Er orientiert sich mit seiner Außen-Architektur an Vorbildern der französischen Renaissance, insbesondere an den Schlössern der Loire. Die Vielgestaltigkeit des aus Bauten unterschiedlichen Alters bestehenden Baukomplexes, die Bewegtheit des Gebäudeumrisses, die z. T. auf der Verwendung unterschiedlichster Materialien beim Bau und seiner Ausschmückung basierende Farbigkeit und das reiche Bildprogramm beflügeln allein schon die Phantasie des Betrachters.

Spätromantisches IdealbildNimmt man dann noch die künstlerisch gelungene Einbettung des Gebäudes in den umgebenden Garten hinzu, die auf vermittelnden Baugliedern wie den Bastionengärten, der Terrasse, Orangerie und Grotte sowie einer wohldurchdachten Wegeführung, Bepflanzung und bildkünstlerischen Ausstattung des Burggartens basiert, so ist das spätromantische Idealbild eines Fürstenschlosses nahezu vollkommen erreicht. Die prunkvollen Räume der Beletage und des Festgeschosses, für die durch Vermittlung des preußischen Königs vor allem Berliner Künstler tätig waren, vervollständigen diesen Eindruck.

Wer die Geschichte des Schlosses nicht hinterfragt, kann es durchaus als Märchenschloss sehen. Aber schon zu den Zeiten seiner Entstehung und auch in den folgenden anderthalb Jahrhunderten war es immer auch ein Sinnbild gesellschaftlicher, mitunter recht deutlicher Widersprüche.

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