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Porträt Julian Schilling : Vom Flüchtling zum Bühnenstar

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Julian Schilling floh als Kleinkind aus Laos und brachte es durch viel Fleiß und harte Arbeit zum Balletttänzer in Schwerin

von
erstellt am 30.Jul.2015 | 08:00 Uhr

Auf der Bühne ist er das blühende Leben. Tanzt. Hüpft. Die Augen strahlen vor Freude. Seine schwarzen langen Haare fliegen. Umschmeicheln sein Gesicht. Die bunten Kleider passen perfekt. Sind auf den Leib geschneidert. Auf den hochhackigen Schuhen bewegt er sich, als wenn er nie was anderes gemacht hätte. Er ist in seinem Element. Wenn Julian Schilling aber über seine Vergangenheit spricht, werden seine dunklen Augen traurig. Er redet selten darüber. Es fällt ihm schwer. Immer wieder wird seine Stimme brüchig. Die Augen feucht.

Mitte der 70er Jahre floh Julian Schillig mit seiner Mutter aus Vientiane, der Hauptstadt des südostasiatischen Staates Laos. „Mein Vater war mit meinen Brüdern schon fort. Wartete in Thailand auf uns“, erinnert sich Julian Schilling. Wenn er erzählt, spricht er mit dem ganzen Körper. Seine Hände gehen auf und ab. Zwischen den Wörtern macht er Pausen. Seine Atmung geht schwer.

Nach dem Ende des Vietnamkrieges übernahmen 1975 die kommunistisch geprägten Kräfte des Pathet Lao die Macht in Laos. „Es war wie früher in der DDR“, erklärt Julian Schilling. „Mein Vater hatte Angst. Wir hatten Angst.“ Sein Vater war sehr gebildet. Konnte viele Fremdsprachen. „Er fühlte sich überwacht. Viele wurden festgenommen, wenn der Staat vermutete, dass man gegen das System eingestellt war“, beschreibt Julian Schilling die Lebenssituation von damals. „Wir mussten weg.“

Gesagt, getan: Julian Schilling war gerade vier Jahre alt. Seine Mutter setzte sich mit ihm in ein Taxi. „Wir wurden von einer Schleuserin begleitet“, sagt er sehr leise. Vom Taxi ging es ins Boot. „Viele wurden beim Fluchtversuch erschossen – wir hatten großes Glück“, erklärt Julian Schilling zögernd. Er habe nie so viele Tote gesehen wie damals auf der Flucht. In Thailand angekommen, war die Familie wieder vereint. Doch die Freude war von kurzer Dauer. Schnell wurden sie auch hier verfolgt. „Wir mussten uns in ein Flüchtlingslager retten“, sagt Schilling und nimmt einen Schluck heißen Kaffee. Von dort ging es weiter nach Singapur. Dann weiter nach Amsterdam. Frankfurt. Hamburg. In Lübeck fand die neunköpfige Familie schließlich ein Zuhause.

Ein paar Jahre später kam Julian Schilling zur Schule. In Sport war er besonders gut. „Meine Lehrerin entdeckte mein Tanztalent“, erinnert er sich. Er lächelt. Mit ihr fuhr er nach Hamburg. Nahm an einer Aufnahmeprüfung einer Ballettschule teil. „Es gab ein Problem, meine Eltern wussten von nichts“, sagt Schilling. Er bekam ein volles Stipendium für acht Jahre und die volle Unterstützung seiner Eltern. „Mein Vater fragte mich, ob es das ist, was ich wirklich möchte. Und das war es. Ich wollte immer nur tanzen“, erklärt er. Damit stand ihm die Welt des Tanzes offen. Er ergriff die Chance. Zog noch im Grundschulalter nach Hamburg. „Ich lebte bei Gastfamilien.“ Peter und Bärbel Schilling kümmerten sich rührend um ihn. „Es sind fabelhafte Menschen“, schwärmt der Balletttänzer, der als Zeichen der Zusammengehörigkeit auch den Nachnamen seiner Gastfamilie annahm.

Er schaffte den Sprung raus aus dem Einheitsbrei der Tänzer. Hat seine eigene Tanz- und Ballettschule in Wismar eröffnet. Tritt immer wieder in verschiedenen Shows und im Theater auf. Julian Schilling hat es auf die große Bühne geschafft. Er tanzt in der Sommeroper „La Traviata“ auf dem Alten Garten in Schwerin die Rolle der Violetta. Er tanzt den Tod. Zeigt die Verzweiflung und auch die Hoffnung. Das Leben, was Violetta gerne gelebt hätte. Als Mann zeigt er das, was manche Frau nicht verkörpern könnte. Aber damit nicht genug. Auch als Choreograph wirkt er mit. Und wenn er darüber spricht, leuchten seine Augen. Der Schmerz der Vergangenheit scheint vergessen.

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