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Crivitzer findet Erholung beim Reiten : Vom Chopper aufs Pferd umgesattelt

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"Geschichte hinterm Lenkrad": Vor Jahren hat sich der Crivitzer Gerhard Molzahn einen Traum erfüllt und sich ein Motorrad, eine Chopper, zugelegt. Jetzt sattelt er um – und findet seine Erholung beim Reiten.

svz.de von
erstellt am 15.Feb.2013 | 06:59 Uhr

Crivitz | Erfahrungen mit Autos hat Gerhard Molzahn zur Genüge, allerdings nicht immer die besten. Mit seinem jetzigen 15 Jahre alten Passat ist er recht zufrieden. Sowieso sei er nicht mehr der Vielfahrer, der hier oder da dabei sein muss. Auch das Motorrad, ein Shadow VT 1100 Chopper, wird nach eigener Aussage viel zu wenig bewegt. Gerhard Molzahn hat für sich eine andere Freiheit entdeckt, die hat auch mit PS zu tun. Er besitzt zwei Pferde, die auf seinem Hof am Rande von Crivitz genug Platz finden. Der 52-Jährige reitet gern von seiner Ranch aus ins Gelände. Das seien jetzt die schönen Momente in seinem Leben. "Vor Jahren aber haben ihn durchaus die PS unter der Motorhaube mehr interessiert", gibt er zu. Hier erzählt er seine "Geschichte hinterm Lenkrad":

"Einen Führerschein mit 18 machen, das wollte damals jeder", erinnert sich der Crivitzer. "Bei mir war das nicht anders." Die Gesellschaft für Sport und Technik bot ihm diese Möglichkeit - unkompliziert, günstig und schnell, ohne lange Wartezeiten, wie in der DDR sonst üblich war. "Ich habe Ende der 1970er-Jahre gleich den Lkw-Führerschein gemacht, da war automatisch die Berechtigung für den Pkw mit dabei." Sein erstes Auto ließ nicht lange auf sich warten: Es war ein Trabi, ein 600er Kombi. "Das war eine alte Möhre. Wegen ihre Farbe und der Form hieß der Kombi deshalb auch Bockwurst." Dass er für den gebrauchten Trabi noch zwischen 3000 und 5000 Mark zahlen musste, ärgerte ihn. "Das erste angesparte Geld ging drauf." Aber so konnte er mit seinen Kumpels zur Disko in die Dörfer fahren, nach Klinken, Raduhn oder Barnin. Irgendwann bekam der alte Kombi Macken. "Jeder, der ein bisschen technischen Verstand besaß, versuchte, sein Auto selbst wieder hinzukriegen", sagt er. Die Ersatzteile, sehr rar, besorgte ihm ein Freund, der bei der PHG Motorkraft arbeitete. Doch bald stand fest, dass auch der Motor hinüber war. Eine kleine private Werkstatt baute ihm einen Austauschmotor ein. Es sollte sich um einen regenerierten handeln. Immerhin legte er dafür 1000 Mark auf den Tisch. Doch der Motor gab alsbald seinen Geist auf.

Dennoch konnte Gerhard Molzahn den alten Trabi gegen einen sehr alten Wartburg tauschen. "Mein Schwager wollte den Kombi unbedingt haben, wir waren beide zufrieden. " Es dauerte nicht lange, da tauschte Molzahn den Wartburg gegen einen Skoda MB 1000 ein. Aber der blieb zum Schluss aufgebockt. Denn seine Frau hatte inzwischen einen Trabi. Er aber keinen Führerschein mehr. Molzahn: "Das war alles dumm gelaufen", meint er heute und erzählt: "Ein Freund musste unbedingt nach Schwerin, zum Zug gebracht werden. Er war Soldat und wollte pünktlich vom Ausgang zurück sein. Ein anderer Kumpel war nicht zur Stelle." Also fuhr er, obwohl er ein Bierchen zu viel intus hatte, gibt er zu. In Schwerin, an der Brücke in Höhe der SVZ war Schluss. Die Polizei hielt ihn an, ließ ihn pusten und entzog ihm den Führerschein. Der Freund kam dennoch zum Bahnhof. Allerdings schlief er hier ein, verpasste seinen Zug nach Rostock und musste im Armeeobjekt zur Strafe ein paar Tage in den Bau. Die 1000 Mark Strafe, die Molzahn zahlen musste, übernahm sein Kumpel. Als er seine "Fleppen" abgegeben hatte, arbeitete der gelernte Baufacharbeiter in der Forst.

Irgendwann holte er sein Dokument wieder ab. "Ich glaube, ich hätte eigentlich eine neue Prüfung machen müssen. Aber die Frau hintern Schalter gab mir die Papiere so", erinnert sich Molzahn.

Wieder mit Führerschein ausgestattet, ging es mit den Autoverkauf und -kauf weiter. Vor der Wende legten sich Molzahn und seine Frau dank einer kleinen Erbschaft einen Lada für 18 000 Mark zu, vom Schwarzmarkt. Für eine ansehnliche Karosserie und intakten Motor zahlte er nochmals 5000 Mark. "Das war ein Jahr vor der Wende." Mit diesem Lada fuhren Molzahns später in den Westen, Verwandte in Hannover besuchen. Bevor sie dort ankamen, mussten sie mit ihrem Wagen in eine Fiat-Werkstatt. "Der Meister machte die Motorhaube auf, schaute drunter und habe nur gesagt: Friede seiner Asche. Der Lada war reif für den Schrottplatz, ein neues Auto musste her. Zuerst folgte ein Renault, dann ein Toyota Corolla - gebraucht gekauft. Den Toyota behielt seine Frau nach der Trennung, er nahm wieder mit einem Trabi Vorlieb, einem Kombi. "Den hat man damals für wenig Geld gekriegt." Bald schon stand ein Geländewagen Lada Niva vor der Tür. Und weil der nach einem Unfall hinüber war, kam gleich der nächste Lada Niva.

Jetzt fährt Molzahn, seit Jahren Vorarbeiter beim Stadtbauhof Crivitz, einen alten Passat. Als bestes Auto empfand der Crivitzer den Golf 3, den er irgendwann zwischendurch mal besaß.

Nach der Trennung von seiner Frau, brauchte er eine Veränderung, "einen Lichtblick", so sagt er. Seine Freunde hatten Motorräder, wollten damit nach Italien. Gerhard Molzahn wollte unbedingt mit. Er kaufte sich eine nagelneue Honda, den besagten Chopper. Das Motorrad stand im großen Wohnzimmer des Hauses, das er damals noch mit seiner Ex-Frau bewohnte. Gleich neben einem Konzertflügel, den seine Frau, gehörte. Die Maschine sei für ihn damals wertvoll, ja kostbar, gewesen. Deshalb bekam sie einen Sonderplatz - vorübergehend. Weil es ihn ab und zu in den Fingern kribbelte, ließ er den Chopper im Wohnzimmer an und fuhr ein paar Meter. Im Frühjahr darauf machte der heute 52-Jährige dann seinen Motorrad-Führerschein, der ihm bislang fehlte, und dann stand dem Ausflug im Sommer mit seinen Freunden an den Lago Maggiore nicht mehr im Wege. Dass es die ganze Urlaubswoche regnen würde, konnte keiner ahnen. Das Motorrad hat Molzahn einmal sogar mit in den Urlaub nach Griechenland genommen - im Frachtraum eines Fliegers verstaut. Zurück fuhr er mit Freunden Richtung Heimat.

Mittlerweile sei er etwas ruhiger geworden, meint der Crivitzer schmunzelnd. Das Motorrad habe er zwar noch, aber es fehle ihm die Zeit zum Fahren. Denn er hat jetzt ein anderes Hobby für sich entdeckt. Das Reiten, speziell auch das Westernreiten. Das ist die Freiheit, die er sich heute vorstellt. Inmitten der Landschaft auf dem Pferd sitzen und in die Weite schauen.

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