Kürschner : Vom Aussterben bedroht

Kürschner Götz Weidner trägt in seiner Schweriner Werkstatt eine Rosshaut-Lederjacke zur Probe, an der Mitarbeiterin Klara Serebrynska Maß nimmt.
Kürschner Götz Weidner trägt in seiner Schweriner Werkstatt eine Rosshaut-Lederjacke zur Probe, an der Mitarbeiterin Klara Serebrynska Maß nimmt.

Doch es gibt sie noch, die Kürschner - Einer der Letzten seiner Zunft ist Götz Weidner in Schwerin

svz.de von
01. September 2015, 12:00 Uhr

Was macht eigentlich ein Kürschner? Nach dem jahrzehntelangen Protest von Tierschützern gegen das Tragen von Pelzen kennen junge Menschen diesen alten Handwerksberuf kaum noch. Der wieder aktuelle Pelzbesatz an Jacken und Mützen kommt meist aus der Industrie. Der Kürschner Götz Weidner ist einer der Letzten seiner Zunft, er führt in Schwerin einen 111 Jahre alten Familienbetrieb. In ganz Mecklenburg-Vorpommern schmolz die Zahl der Kürschnerbetriebe seit 1990 von 32 auf zwei zusammen. Die besten Zeiten erlebte Weidners Unternehmen in der DDR. „Ich hatte das Glück, als Fettauge auf der Wurstsuppe zu schwimmen“, sagt der 64-Jährige selbstironisch. Nach Schätzung des Zentralverbands des Kürschnerhandwerks hat sich die Zahl der Betriebe in Ostdeutschland seit 1990 auf ein Zehntel verringert. Bundesweit habe sie sich auf rund 600 mehr als halbiert, sagt Verbands-Geschäftsführer Helmut Knieriemen.

Die Gründe dafür sieht Weidner allerdings weniger bei den Tierschützern, sondern eher in der veränderten Rolle der Frau. „Der Pelz war früher ein Statussymbol“, meint er. Heute wolle die Frau mit der Kleidung nicht protzen, sondern wolle sie funktional und schick. Weidners Betrieb lebt vor allem von der Maßanfertigung von Bekleidung aus Leder, Lammfell und Rotfuchs, gelegentlich von der Aufarbeitung alter Pelze. Das Material bezieht er von Firmen, die Zertifikate über dessen nachhaltige Herkunft ausstellen. In der kleinen Werkstatt sind elegante Kleider und Leggings aus feinem Lammnappa in Arbeit oder eine Herrenjacke im Militärstil aus derber Rosshaut. Die Modelle kosten das Drei- bis Fünffache von industriell gefertigten Stücken. Die Kunden kommen aus Deutschland, Österreich, Belgien, der Schweiz. „Sie kriegen es hier etwas günstiger“, räumt Weidner ein.  Der Kürschnermeister und seine Angestellte, die aus der Ukraine stammende Klara Serebrynska, könnten sich ihre eigenen Waren allerdings kaum leisten. „Wir wären nicht unsere Kunden“, sagt er. Der Betrieb sei „die pure Selbstausbeutung – mit einem großen Potenzial für Lebensfreude“.

Weidner betreibt das von seiner Großmutter 1904 in Dresden gegründete Familienunternehmen in der dritten Generation. Er übernahm es 1977 von seinem Vater, der nach der Verstaatlichung 1972 aus Dresden nach Wismar wechselte. Ende der 1970er-Jahre waren in der DDR zur Deckung des Konsumgüterbedarfs kleine Handwerksbetriebe wieder erwünscht. Weidner, der nach seinem Studium in Berlin eigentlich für die Pelzindustrie ausgebildet war, baute den Betrieb in Wismar mit neun Mitarbeitern aus.Während es in der Industrie ständige Materialengpässe gab, brachten ihm die Leute Pelze aus dem Westen ins Haus. Diese wurden wegen der Tierschutzproteste gerne in den Osten geschickt. Zudem habe er an allen Modellwettbewerben der DDR teilgenommen und sei so bevorzugt an Material gekommen. Nach der Wende hielt er sich noch eine Weile mit Lederhandel über Wasser, bevor er sein Geschäft wegen des Umfelds und einer besseren Verkehrsanbindung nach Schwerin verlagerte.

In drei bis fünf Jahren will er die Geschäftsführung abgeben. Seine beiden Kinder zog es in andere Branchen. Die Hoffnungen ruhen auf Alice von Jutrzenka, die im Sommer ihre Berufsausbildung bei ihm abschloss. Zuvor hatte die Brandenburgerin in Schwerin Modedesign studiert. Ein Praktikum in Berlin habe ihr klargemacht, wie überrannt der Designer-Markt sei, erzählt die 25-Jährige. Sie habe sich dann an Pelz und Leder und die Kürschnerei in Schwerin erinnert. Schon jetzt darf Alice als Selbständige die Werkstatt nutzen, um ihre eigenen Kollektionen zu erarbeiten. Bei Wettbewerben holte sie schon etliche Preise. „Ich will die nachhaltigen Materialien modern rüberbringen und das alte Handwerk erhalten.“

Zentralverbands-Geschäftsführer Knieriemen findet, dass sie damit genau richtig liegt. Vor allem wildgerechter Pelz sei gefragt. Pro Jahr würden in Deutschland 500 000 Rotfüchse erlegt. Deren Pelze seien reine Naturprodukte und sollten verarbeitet statt entsorgt werden.

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