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Schwerin: offiziellen Zahlen zufolge 63 Einwohner verloren : Verwirrspiel um Einwohnerzahl hält an

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Für die verpasste Frist für den Widerspruch gegen die Einwohnerzahlen des Zensus hat Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow die Verantwortung übernommen. Woran es aber wirklich gelegen hat, ist offenbar nicht klar.

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erstellt am 02.Aug.2013 | 11:19 Uhr

Für die verpasste Frist für den Widerspruch gegen die Einwohnerzahlen des Zensus hat Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow die politische Verantwortung übernommen. Woran es aber wirklich gelegen hat, ist offenbar nicht klar. Dieses von Gramkow als „Büroversehen“ bezeichnete Versäumnis könnte die Stadt bis zu zwei Millionen Euro kosten. Dabei gibt es nach den Angaben des stellvertretenden Oberbürgermeisters Dr. Wolfram Friedersdorff in der Verwaltung eine klare Regelung, wie mit welcher Post umgegangen werden muss. „Wir haben bisher noch nicht herausbekommen, wo und durch wen ein Fehler gemacht wurde“, musste Vize-OB Friedersdorff jetzt im Hauptausschuss zugeben. Stadtvertreter Manfred Strauß forderte daraufhin, dass das Verfahren überprüft und verändert wird. „Hier liegt etwas im Argen.“ Klar ist bisher nur: Die Verwaltung hat nicht funktioniert.

Doch bevor nach der politischen Sommerpause der Zensus Thema für die Stadtvertreter werden könnte, sorgen neue Zahlen für Verwirrung. Nach offiziellen Angaben des Statistischen Amtes Mecklenburg-Vorpommern beträgt der Einwohnerverlust zum Jahresende 2012 im Vergleich zum Vorjahr nämlich nur 63 Personen. Grundlage für die Berechnung der Statistiker ist der Zensus.

Dem Zensus zufolge leben in Mecklenburg-Vorpommern fast 28 000 Einwohner weniger als bislang angenommen. Die erste gesamtdeutsche Volkszählung hatte 2011 für den Nordosten 1 609 982 Bewohner ergeben, 1,7 Prozent weniger als durch Fortschreiben der Daten seit der letzten DDR-Volkszählung 1981 ermittelt worden waren. In nahezu keiner einzigen Kommune stimmt die Einwohnerstatistik mit den Zensuszahlen überein. In den meisten ergibt sich ein Minus. Mit dem nun festgeschriebenen Einwohnerverlust verliert jede Gemeinde je Einwohner bis zu 1000 Euro. Für das Land insgesamt sind es je Einwohner 2500 Euro. Die Landeshauptstadt firmiert jetzt offiziell nur noch mit 91 327 Bürgern in den Zuweisungstabellen und Statistiken.

91 264 waren es Ende 2012. Das statistische Minus von 63 Einwohnern ergibt sich so: 795 Geburten standen im vergangenen Jahr 1112 Todesfälle gegenüber. Das ist ein leichter Geburtenanstieg gegenüber 2011. Ähnlich sind die Zahlen in den fünf Jahren zuvor. Ein ähnliches Bild bei den Zu- und Wegzügen: 4754 Neu-Schweriner konnte die Landeshauptstadt im vergangenen Jahr begrüßen. Nur 4517 Schweriner kehrten im gleichen Zeitraum der Stadt den Rücken, listen die Landesstatistiker auf. Stichtag des Vergleiches zwischen 2012 und 2011 ist im Übrigen für das vorvergangene Jahr nicht der 1. Januar, sondern der 9. Mai, der Zensus-Stichtag. Da sich aber auch hier durchschnittlich wie in den fünf Jahren zuvor die Zahl der Zuzüge leicht steigerte und nahezu im gleichen Verhältnis die Zahl der Fortzüge sich verringerte, lässt das nur den Schluss zu: Zensus hat nicht Zählpannen oder Fehler in den Meldebehörden der vergangenen fünf Jahre ans Tageslicht geholt, sondern viel ältere – vermutlich sogar aus der Wendezeit. Damals mussten Meldeämter ihre Neu-Bürger noch nicht bei den Meldebehörden der Herkunftsstadt des neuen Einwohners abmelden.

Im Unterschied zum Einwohnermelderegister wurden für den Zensus komplexere Quellen herangezogen, neben der Einwohnerstatistik eben auch Rentenstatistiken, Wanderungen, Grundstückszählungen, Wohnungsstatistiken und vieles mehr. Dagegen anzugehen, dürfte trotz Widerspruchs von 44 Gemeinden im Land, nahezu aussichtslos sein. Man müsste Fehler bei der Volkszählung nachweisen, um vor Gericht Recht zu bekommen. Das wird jedoch schwer, da nach dem Datenschutzgesetz alle Personendaten in der Statistik ein Jahr nach der Erfassung zu anonymisieren sind. Insofern dürfte der politische Druck auf Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow wegen des verpassten Widerspruchs nach der Sommerpause auch für den konkreten Fall schnell wieder in normale Bahnen gelangen. Was die allgemeinen Verwaltungsabläufe anbelangt, da wollen die Kommunalpolitiker den Finger in die Wunde halten.

Parallel will die Stadtspitze selbst auf Erkundung gehen, ob noch Schweriner im Melderegister geführt sind, die gar nicht mehr hier wohnen. Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) hat die Hoffnung, dass mit dem Versand der Wahlbenachrichtigungen zur Bundestagswahl Klarheit in die Sache kommt. Wenn Karten als unzustellbar zurückkommen, soll das Aufschluss auf die Zahl der nicht mehr in Schwerin lebende Bürger geben können. Absolute Sicherheit gibt das auch nicht, wenn beispielsweise der Adressat länger im Urlaub, im Bootshaus oder im Kleingarten weilt. Es scheint so, als ließe sich die tatsächliche, exakte Einwohnerzahl nicht ermitteln.

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