Aus dem Landgericht : „Überfordert und hilflos“

Das Gebäude des Land- und Amtsgerichts Mecklenburg-Vorpommern
Das Gebäude des Land- und Amtsgerichts Mecklenburg-Vorpommern

Vater und Stiefmutter von misshandeltem Kind zeigen Scham und Reue

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06. November 2017, 20:55 Uhr

Sie schämen sich, sie empfinden Ekel über sich selbst und sie bedauern zutiefst, was sie einem Dreijährigen angetan haben. Reumütig haben ein 32-jähriger Vater aus Grevesmühlen und seine 36-jährige Frau gestern vor dem Landgericht Schwerin zugegeben, im Frühjahr 2016 den kleinen Sohn des Mannes über Monate hinweg geschlagen, gedemütigt und vernachlässigt zu haben. Über ihre Verteidiger teilten sie mit, für den Schaden geradestehen zu wollen, soweit es ihnen möglich sei.

Ende 2015 hatte der Vater sich das Sorgerecht erstritten und den Sohn aus einer Wohngruppe des Jugendamtes zu sich geholt. Bald schon aber seien seine Frau und er „überfordert und hilflos“ gewesen mit dem kleinen Jungen, so die Angeklagten, der angeblich nicht bei ihnen bleiben wollte und zunehmend mit Trotz reagierte. Die Stiefmutter verpasste ihm kalte Duschen, wenn er einnässte. Sie riss das Kind nachts absichtlich aus dem Schlaf, weil auch er sie und ihren Mann nicht hatte schlafen lassen. Als er das Klo mit einer Toilettenpapierrolle verstopfte, hielt sie ihn kopfüber über die Kloschüssel. Lautes Brüllen und Schläge gehörten zu den hilflosen „Erziehungsmethoden“ der beiden. Als der Kleine im Mai 2016 ins Krankenhaus kam, wog er nur noch zehn Kilogramm; fünfzehn wären angemessen gewesen.

Angeblich suchten die beiden beim Jugendamt vergeblich um Hilfe nach. Andererseits hatten sie Angst, als Versager zu gelten, wenn sie mit dem Jungen nicht klarkämen. Zwischen welche Fronten der Kleine geraten ist, lässt sich bislang nur erahnen. Als Zeuginnen wurden gestern die leibliche Mutter und die Mutter des Angeklagten gehört. Der Angeklagte vermied angestrengt jeden Blickkontakt mit seiner Mutter, wandte sich ab, als sie aussagte.

Mit der leiblichen Mutter des Jungen war der Vater keine zwei Jahre zusammen. Sie sagte, er habe bereits während ihrer Schwangerschaft an seiner Vaterschaft gezweifelt. Nach der Trennung kam meistens die Mutter des Angeklagten und holten ihren Enkel zum Wochenendbesuch. Die Oma holten ihn auch regelmäßig zu sich, als der Kleine in die Obhut des Jugendamtes kam. Mitte 2015 erschien der Vater nicht mehr so gleichgültig wie zuvor gegenüber seinem Sohn und kämpft sogar um das Sorgerecht. Seine Mutter, also die Oma des Kleinen, habe ihn dazu gedrängt, damit sie selbst mehr von ihrem Enkel hätte, behauptete der Angeklagte. „Jetzt soll ich also schuld sein!“, empörte sich seine Mutter. Sie habe „einfach nur Oma“ sein wollen.

Mehrmals filmte die Stiefmutter den Jungen mit ihrem Handy. Auf einem ist er mit großen blauen Flecken im Gesicht zu sehen. Warum sie das Video aufnahm, konnte die Angeklagte nicht mehr sagen. Sie glaubte, sie müsse sich rechtfertigen. Gegenüber wem, blieb offen. Der Prozess wird am kommenden Montag fortgesetzt.

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