Schwerin : Tüfteln, reparieren und reden

Allerhand zu reparieren: Christoph Fleischer ist hauptamtlicher Mitarbeiter der Fahrradwerkstatt, Jafar aus Syrien macht bei ihm gerade ein Sprach-Praktikum.
Allerhand zu reparieren: Christoph Fleischer ist hauptamtlicher Mitarbeiter der Fahrradwerkstatt, Jafar aus Syrien macht bei ihm gerade ein Sprach-Praktikum.

In der Fahrradwerkstatt im Külzhaus geht es montags und mittwochs auch um Integration und Jugendprobleme

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18. September 2017, 12:00 Uhr

Abdul möchte nach der Schule am liebsten Motorradmechaniker werden. Noch ein Jahr lang muss der junge Mann, der vor anderthalb Jahren als Flüchtling nach Schwerin kam, die Schulbank drücken, dann kann er mit einer Ausbildung beginnen. Der Berufswunsch entstand beim Tüfteln in der Fahrradwerkstatt im Külzhaus, in der Nähe des Platzes der Freiheit. Hierher kommt Abdul regelmäßig, genauso wie viele andere junge Männer und Frauen aus dem arabischen Raum.

Die Fahrradwerkstatt, die die Sozialdiakonische Arbeit-Evangelische Jugend im Hinterhof betreibt, ist inzwischen nicht nur Hilfe zur Selbsthilfe, sie ist ein Integrationsprojekt geworden. „Sozialräumliches Angebot“ heißt das in der Fachsprache, erklärt Sozialarbeiter Christoph Fleischer lächelnd. Er betreut die Fahrradwerkstatt als hauptamtlicher Mitarbeiter, ihm zur Seite stehen noch drei Ehrenamtler, die beim Schrauben helfen und aus den diversen Teile-Kisten die passenden Stücke herausfischen. „Bei den unterschiedlichen Fahrradmodellen heutzutage ist das gar nicht so einfach“, sagt Dieter Groke, einer dieser Freiwilligen und leidenschaftlicher Fahrrad-Bastler. Der gelernte Bauingenieur, der heute Rentner ist und in der Gartenstadt wohnt, kam vor einigen Jahren durch einen Bekannten zum Projekt. Seitdem ist er regelmäßig montags und mittwochs ab 14 Uhr im Külzhaus zur Stelle. „Früher waren es vor allem Leute mit schmalem Geldbeutel, die hier ihr Rad auf Vordermann bringen wollten“, erinnert er sich. Da habe er auch älteren Damen geholfen, Reifen zu flicken oder Bremsen in Ordnung zu bringen. Heute indes kommen vor allem junge Leute und viele Migranten, gerne auch mit Freunden. Arabisch ist oft die vorherrschende Sprache auf dem Hinterhof.

Seit zwei Wochen hat Christoph Fleischer den jungen Jafar an seiner Seite, der ihm hilft, wenn es Sprachprobleme gibt. Jafar stammt aus Syrien, lebt wie Abdul seit etwa anderthalb Jahren in Schwerin, bereitet sich jetzt schon auf ein Mechanik-Studium vor. Dafür braucht er nachweislich gute Deutschkenntnisse auf dem Niveau C1 – auf dem Weg zu diesem Sprach-Zertifikat liegt ein vierwöchiges Praktikum, das er aktuell bei der Evangelischen Jugend macht. Jafar begleitet Christoph Fleischer auch im Jugendintegrationsmobil, einem Kleinbus, der dienstags und donnerstags am Nachmittag unterwegs ist. „Bei all diesen Angeboten geht es vor allem darum, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen“, betont Fleischer. Nach ein paar Treffen komme man oft zum Wesentlichen: Dann geht es um Schule, Berufswünsche, Probleme bei der Wohnungssuche, um Nachbarschaft, gute und schlechte Freunde. „Aber auch Liebeskummer und Heimweh werden thematisiert“, sagt Fleischer. Oftmals helfe es, darüber zu reden. Denn diese Gefühle könnten die Jugendlichen in ihren Gruppen selten rauslassen, dort wollten sie vor allem cool wirken. Da schlügen Traurigkeit und Verunsicherung manchmal in Aggression um.

Auch wenn in der Fahrradwerkstatt das Reden sehr wichtig ist, werden natürlich aus alten, verschlissenen Rädern wieder gebrauchsfertige. „Etwa 100 Stück laufen pro Jahr hier durch“, schätzt Christoph Fleischer. Die meisten werden von Schwerinern gespendet, repariert werden sie von und für Menschen, die sich ein neues Rad nicht leisten können. Abholen ist theoretisch möglich, aber: „Am liebsten ist es uns, wenn die Leute ihre alten Räder hier vorbeibringen“, sagt Christoph Fleischer. Wer etwas abzugeben oder weitere Fragen hat, kann sich an ihn wenden unter der Telefonnummer 0162/1004898 oder montags und mittwochs von 14 bis 18 Uhr im Külzhaus.

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