Anonyme Alkoholiker in Schwerin : Trinken bis zum Tiefpunkt

Alkohol verwandelte das Leben für ihn nicht zu einer ewigen Partymeile, sondern zur langsamen Fahrt in die Hölle. dpa
Alkohol verwandelte das Leben für ihn nicht zu einer ewigen Partymeile, sondern zur langsamen Fahrt in die Hölle. dpa

Peter war schon im Alter von 14 Jahren ein kleiner Party-König. Er berichtet, wie ihm die Anonymen Alkoholiker geholfen haben, trocken zu bleiben: Zum Gruppenjubiläum am 22. September gibt es einen Info-Tag.

von
06. September 2012, 07:25 Uhr

Schwerin | Dass Alkohol ihn von Ängsten befreit, ihm ein selbstsicheres Gefühl gibt, ihm den Alltag leicht und beschwingt macht, das entdeckte Peter (Name v. d. Redaktion geändert) schon im Alter von 14 Jahren. Damals trank er sein erstes Bier in der Disko und plötzlich war der schüchterne, leicht depressive Junge ein kleiner Party-König. Heute, viele Jahre später, weiß Peter, dass er damals seinem schlimmsten Feind begegnet ist: Alkohol verwandelte das Leben für ihn nicht zu einer ewigen Partymeile, sondern zur langsamen Fahrt in die Hölle. Der Unternehmensberater ging durch mehrere Entzüge, Geldprobleme und Tablettensucht - um am Ende zu kapitulieren. Irgendwann habe er sein Problem abgegeben an eine höhere Macht, in der bitteren Erkenntnis, dass ihm allein die Kraft fehlt, um gegen die Sucht zu bestehen. Heute sind seine Ziele bescheiden geworden: Trocken bleiben will er immer bis zum nächsten Tag. Mit dieser Methode ist Peter lange erfolgreich. Doch er ist und bleibt Alkoholiker, wie er betont. So stellt er sich auch bei den Meetings der Anonymen Alkoholiker vor, die er nicht nur in Schwerin, sondern fast überall auf der Welt besuchen kann. Am Sonnabend, 22. September, präsentieren sich die Anonymen Alkoholiker (AA) in Schwerin und die Angehörigen-Gruppe Al-Anon von 11 bis zirka 16 Uhr im AOK-Gebäude am Grünen Tal. Anlass für diese öffentliche Infor mations-Veranstaltung ist der 20. Geburtstag der beiden Gruppen in der Landeshauptstadt. Erfahrungsberichte eines Alkoholikers sowie eines Angehörigen stehen am Vormittag ebenso auf dem Programm wie ein Vortrag eines Arztes oder Therapeuten aus der Suchthilfe. Von 14 bis 15.30 Uhr wird dann ein Meeting abgehalten unter dem Motto "Es gibt eine Lösung".

"Jeder spricht über sich selbst, aber jeder, der zuhört glaubt, der andere spricht über ihn", beschreibt Peter die Grunderfahrung so eines Meetings. "Da sitzen Menschen, die haben Ähnliches erlebt wie ich und sie sind da rausgekommen. Das hat mir viel Kraft und Hoffnung gegeben." Doch Peter weiß auch, dass der Weg zum ersten Meeting schwer ist. "Alkoholiker halten sich für unheimlich schlau und sind Meister der Verstellung. Sie glauben, für jedes Problem eine Lösung zu haben."

Peter ist dankbar, dass es die Anonymen Alkoholiker gibt. Er wirbt mit seiner eigenen Biografie für die Selbsthilfegruppe, die 1935 in Amerika gegründet wurde und die es seit 1953 in Deutschland gibt. So ging Peters Geschichte weiter: Aus dem ersten Bier in der Disko wurden mehr. "Nach drei Jahren bekam ich Entzugserscheinungen, mit Schweißausbrüchen und Kreislaufproblemen am Morgen. Das habe ich aber nicht ernst genommen." Nach der Schule lernte Peter Industriekaufmann. Zwei halbe Liter Bier am Abend seien in dieser Zeit Standard gewesen. Eine sozial akzeptierte Menge, aber: "Die einen stecken den Liter Bier problemlos weg, die anderen brauchen am Morgen gleich wieder Stoff. Zu der Gruppe gehöre ich." Alkohol, sagt Peter heute, zerstört nicht nur Kopf und Körper eines Menschen, er macht auch seelenlos. Als Peter heiratete, hörte er auf mit dem Trinken. Aber besser ging es ihm nicht. Der Stress im Job - Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Peter stieg im Beruf weiter auf - machte ihn ängstlich, kraftlos, paranoid. "Das Leben kommt schutzlos auf einen zu. Man glaubt, man schafft es nicht", beschreibt Peter seine Gefühle.

Nach einem Glas Cognac lief alles wie geschmiert. Als er die Rückfahrt aus einem Italienurlaub nur mit 30 Flaschen Bier im Kofferraum schaffte, zog Peter die Reißleine: Er machte einen privaten Entzug. Doch auf die erste Sucht folgte bald die zweite. Peter arbeitete inzwischen in einer Unternehmensberatung, musste immer topfit und gut drauf sein. "Da bin ich auf Medikamente umgestiegen." Morgens habe er oft mit dem Taxi die unterschiedlichen Apotheken der Stadt abgeklappert, Unmengen an Geld investiert und zum Teil mehr als 100 Tabletten täglich geschluckt. Die Konsequenz: Peter konnte begonnene Sätze nicht mehr zu Ende sprechen, seine Geldkarte wurde eingezogen, er wusste manchmal seinen eigenen Namen nicht mehr. Als die Drogen seinen Verstand zu fressen drohten, machte Peter den nächsten Entzug, diesmal in der Klinik. "Das war vor zehn Jahren", sagt er. "Der Alkoh oliker hört dann auf zu trinken, wenn er selbst seinen Tiefpunkt erreicht hat, nicht wenn Frau oder Kinder es ihm sagen." Peter war damals ganz unten. Jetzt arbeitet er sich von Tag zu Tag, die Anonymen Alkoholiker helfen ihm dabei ebenso wie Freunde, die er in den Gruppen gefunden hat. Und eine neue Liebe in Schwerin.

In der Landeshauptstadt gibt es zwei Gruppen der Anonymen Alkoholiker: eine trifft sich montags ab 19 Uhr in der Wallstraße 4, die andere am Freitag ab 20 Uhr in der Arsenalstraße 15. Weitere Informationen unter Telefon 0385-47839771.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen