Schwerin : Tramper wider Willen

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Mutter und Sohn stranden in Schwerin und erleben Erstaunliches bei der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit

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12. August 2015, 06:30 Uhr

Hanka Waschipky lebt in Leipzig. Schwerin stand in diesem Sommer eigentlich nicht auf ihrer Ziel-Liste, trotzdem haben Bahn-Probleme sie hierher verschlagen. Ihre Begegnungen mit den Menschen fand sie so eindringlich, dass sie einen Brief schrieb an unsere Redaktion. „Was die Hilfsbereitschaft anbetrifft, steht es 3:1 für die Schweriner“, schreibt sie. Und noch eine andere Idee sei ihr auf der ungeplanten Reise gekommen: „Vielleicht trampe ich mal wieder – ohne Kind und äußere Zwänge.“

Aber von vorne: Dr. Hanka Waschikpky fährt normalerweise mit dem Auto. Die Bahnreise von der Ostsee nach Sachsen war für ihren sechsjährigen Sohn an sich schon ein Erlebnis. „Es wurde abenteuerlicher als erhofft“, schreibt die Leipzigerin. „Der Zug von Ribnitz-Damgarten nach Rostock fiel aus, wir mussten über Schwerin fahren. Und dort saßen wir wegen eines Bahnunfalls am Nachmittag plötzlich ganz fest.“ Auf „unbestimmte Zeit“ konnte der Zugverkehr nicht fortgeführt werden. „Hunderte Menschen drängelten und schimpften. Überlastete Bahnmitarbeiter machten kaum Hoffnung auf ein baldiges Fortkommen. Nach mehr als zwei Stunden wurden wir an eine Schlange verwiesen, an deren Ende es Übernachtungsgutscheine gäbe. Aber wir hatten nicht einmal eine Zahnbürste dabei“, berichtet Hanka Waschipky. „Meinem Kind standen die Tränen in den Augen.“ Mittlerweile war es 18 Uhr, Mutter und Sohn sollten fast zu Hause sein. Also weiter, aber wie? „Früher hätte ich mich einfach an die Straße gestellt und wäre getrampt“, sagt die Leipzigerin. Diesmal stieg sie in einen Linienbus, fragte den Fahrer, ob er zur Stadt rausfährt, in die Nähe der Autobahn. „Er sah das Gedrängel und hatte einen Ratschlag: eine Tankstelle. Dort könne man Leute ansprechen.“

Die wenigen Mitfahrerinnen im Bus waren mitfühlend, berichteten von einem Notarzteinsatz auf den Bahngleisen nahe Schwerin. Als der Fahrscheinautomat Waschipkys Geldscheine verschmähte, schenkte ihr eine Frau sogar eine Münze. Die hilfsbereiten Schweriner machten ihr Hoffnung.

An der Tankstelle standen viele Autos, aber alle, die Hanky Waschipky nach einer Fahrt zum Beispiel zum Bahnhof Ludwigslust fragte, lehnten bedauernd ab. Kurz bevor sie ihrem Sohn, dem der Mut gesunken war, ein Eis kaufen wollte, kam ein junger Mann aus der Tankstelle und verwies sie des Platzes. „Das war bizarr. Eigentlich war er in dem Alter, in dem man trampt. Ich hatte das Spießeralter von uns beiden“, schreibt die Gestrandete. Ob er Angst hatte vor einer Mutter mit Kind? „Oder verbietet man hier jedem Tramper das Ansprechen der Kunden? Letzteres fände ich sehr schade. Ich bedauere das Verschwinden der Tramper aus dem Straßenbild. Gern nehme ich jemanden mit. Besonders auf langen Strecken ist eine persönliche Unterhaltung viel aufmunternder als Radio.“ Glücklicherweise hielt kurz darauf ein netter Schweriner Familienvater, der seine Familie in Ludwigslust am Bahnhof abholte. Sie saßen auf der anderen Seite der gesperrten Strecke fest. „Wir erreichten einen Zug nach Berlin und von dort den letzten ICE nach Leipzig“, berichtet Hanka Waschipky. „Um 23 Uhr lag mein Zwerg im Bett.“
 

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