Rückblick Tupolew-Absturz 1986 : Tragödie für Schweriner Klasse

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Am 12. Dezember 1986 sterben beim Absturz einer Aeroflot-Maschine in einem Waldstück vor Schönefeld 72 Menschen. Unter den Opfern sind 20 Mädchen und Jungen der Schweriner Schneller-Schule, die Lehrerin der Klasse 10a und zwei Betreuer. Nur sieben Schüler überleben die Abschlussfahrt nach Minsk. 20 Jahre später erinnert kein Gedenkstein an die Tragödie. Bis heute gibt es Spekulationen um die Ursache. Aber der Umgang mit Opfern und Hinterbliebenen zeigt auch den Sozialismus in seiner Kälte.

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25. März 2015, 12:59 Uhr

Ruth Wurm setzt sich an den Schreibtisch und schaltet die Lampe ein. Licht fällt auf einen Aktenordner. Darin hat sie den Flugzeugabsturz vom 12. Dezember 1986 aufbewahrt. Mit zitternden Fingern blättert sie in Folie eingelegte Seiten um, gelangt von 126 Kondolenzen zu den Traueranzeigen auf Zeitungspapier und berührt dann das Manuskript ihrer Rede, die sie im Schweriner Lindengarten gehalten hat. „In meinen Augen ist der Mensch das Wichtigste“, hat sie sechs Tage nach dem Unglück gesagt. „Ich hasse einen schlechten Kommunisten genauso wie einen schlechten Christen. Und ich liebe einen guten Christen genauso wie einen guten Kommunisten.“

Alle Ordner und Fotografien stehen in ihrem Arbeitszimmer, das sie auch mit 77 noch braucht. Sie schreibt auf, was passiert ist, klebt fest, wo sie Urlaub gemacht hat, und heftet ein, was nicht verschwinden soll. „Arbeit ist die beste Medizin“, sagt sie. Ihr Blick wandert zu zwei gerahmten Bildern, zu zwei Gesichtern.

Für alle anderen sind am 12. Dezember 1986 die Klassenlehrerin der 10a und ein Betreuer abgestürzt. Wurm hat eine 32 Jahre alte Tochter und ihren Mann verloren. Sie betrachtet ihre zwei Enkel, die sich an diesem Freitag von der Mutter verabschiedet haben, ohne sie noch einmal zu sehen. Sechs und acht Jahre alt waren sie. Das Foto auf dem Regal ist vor dem 12. Dezember entstanden. Mama ist noch bei ihnen. Ruth Wurm lächelt. „Wir haben zwei nette Jungs draus gemacht. Es sind bis heute meine Jungs.“

Mehr Stasi-Leute als Ärzte an der Absturzstelle

Der 12. Dezember 1986 beginnt im Kopf von Klaus Speiler immer erst nach 17 Uhr. Es ist dunkel, als die Sirene in Miersdorf läutet. Der 30 Jahre alte Gruppenführer steigt mit acht Kameraden in den W50, fährt durch den Nebel, glaubt einen Moment an eine Übung und erblickt dann Rauch und Feuer. Er sieht weiße, aufgefaserte Baumstümpfe und eine Schneise im Birkenwald. Dann liest er das Wort Aeroflot auf einem Trümmerteil. „Bis 17 Uhr war der 12. Dezember ein ganz normaler Tag“, sagt Speiler. „Wenn ich mich erinnere, kehren die Bilder sofort zurück. Der Tag läuft ab wie ein Film.“

Retter tragen Verletzte zur Straße – und warten auf Krankenwagen. Speiler braucht eine Weile, um dieses Unglück zu begreifen und zum Feuerwehrmann zu werden, der handelt und hilft. Er baut mit den Kollegen Licht auf. Der Mangel der DDR zeigt sich auch dort, wo kein Schein hinfällt. „Wenn genauso viele Ärzte da gewesen wären wie Stasi-Leute, wäre vielleicht weniger passiert. Heute würden Hubschrauber kommen. Damals kamen ja nicht mal genug Krankenwagen.“

1972 half Speiler als 16-Jähriger beim Absturz einer Iljuschin II-62 der Interflug in Königs Wusterhausen. Nach einem Brand am Heck starben dort alle 156 Insassen. Zweieinhalb Jahre nach dem Unglück vom 12. Dezember 1986 fuhr er nach Schönefeld. Eine Iljuschin II-62MK der Interflug mit 105 Menschen an Bord war am 17. Juni 1989 über die Landebahn hinausgeschossen. Es gab 20 Tote.

„Ein anderer Feuerwehrmann muss dafür dreimal auf die Welt kommen“, sagt Speiler. Der Zugführer lacht nicht. Mancher der neun Miersdorfer, die die Sirene heute vor 20 Jahren zum Unglück gerufen hat, ist im Ruhestand. „Mit etwas Nachdenken würde ich die Namen der anderen zusammenkriegen“, sagt Speiler.

Toter Genosse ist wichtiger als verbrannte Schüler

Um halb acht beginnt die „Aktuelle Kamera“. Der Flugzeugabsturz, bei dem 72 Menschen sterben werden, ist die zweite Meldung. Der Tod des Genossen Paul Verner ist wichtiger. Sechs Minuten dauert der Bericht. Das Unglück in Bohnsdorf wird in 39 Sekunden verlesen. Der Zuschauer sieht nur eine Landkarte vom Ort der Tragödie, obwohl Filmmaterial vorliegt, und erfährt nichts, nicht den Namen der Maschine, nicht die Herkunft der Passagiere.

Ruth Wurm trifft im Treppenhaus einen Nachbarn. Der Mann erzählt, er habe im ZDF gehört, dass die abgestürzte Maschine aus Minsk gekommen sei. „Ich will dich nicht beunruhigen, Ruth“, sagt er. „Aber heute sollte nur ein Flugzeug aus Minsk in Schönefeld landen.“

Oberbürgermeister Helmut Oder erhält um 20.45 Uhr vom Diensthabenden beim Rat der Stadt die Nachricht „über mögliche Mitleidenschaft einer Schweriner Klasse“, wie Akten belegen, die im Stadtarchiv lagern. Eine Viertelstunde später trifft sich die Arbeitsgruppe.

Um 21.06 Uhr fährt der D-Zug aus Berlin im Schweriner Bahnhof ein. Eltern warten auf das Wiedersehen mit ihren Kindern, die sechs Tage fort gewesen sind. Kein Schüler steigt aus. Nach einem Augenblick der Stille werfen sich Mütter und Väter auf den Boden. Sie schreien und weinen. Dass ihre Kinder unter den Opfern sind, ist jetzt mehr als ein Gerücht.

Doch die Lautsprecher schweigen. Keine Durchsage ertönt. Kein Genosse fängt die Verzweifelten auf. Jede Familie verlässt mit ihrer Angst allein den Bahnhof. Ruth Wurm läuft zur Polizei, erzählt vom ZDF und fragt, ob die Maschine aus Minsk gekommen sei. Doch statt einer Antwort hört sie eine Frage: „Tja, was gucken Sie auch Westfernsehen?“

Oder übernimmt um 22 Uhr im Rathaus die Leitung der Arbeitsgruppe. In den nächsten Stunden werden Nachrichten vom Ministerrat erwartet. „Keine Panik“, „keine Informationen an andere“ – das ist die Anweisung. Eine Stunde nach Mitternacht werden Ratsmitglieder und „andere leitende Kader“ wie die Kreisärztin zur Außenstelle auf den Großen Dreesch gerufen. Von zwei Uhr an klingeln sie „zur Übermittlung der offiziellen Informationen“. „Insgesamt kann gesagt werden, dass alle betroffenen Familien gefasst, aber mit großer Trauer, die Mitteilung zur Kenntnis genommen haben“, heißt es in einer Bilanz am Sonnabend. „Sechs Familien mussten ärztlich betreut werden.“

Die staatlich beauftragten Tröster kümmern sich um Beerdigungen, helfen beim Schreiben der Traueranzeigen – und berichten dem Büro des Oberbürgermeisters. Jede Familie sei dankbar für Besuche, schreiben sie.

Gedenkfeier ohne „übertriebenen Traueranreiz“

Der 18. Dezember ist der Tag der Trauer in Schwerin. Um 10.45 Uhr beginnt in der Schneller-Schule, die heute nach der Romanfigur Nils Holgersson benannt ist, für die achten bis zehnten Klassen der Gedenkappell mit dem Freiheitschor aus Nabucco. Das Programm – einsehbar im Stadtarchiv – verspricht Besuch von Partei-, Gewerkschafts- und Staatslenkern, von Vertretern des Patenbetriebes und der Patenbrigade. Von 13 bis 16 Uhr gilt auf dem Weihnachtsmarkt ein „Musikverbot“.

In der Halle am Fernsehturm spielt um 13.30 Uhr das Kammerorchester der Staatskapelle vor 400 Besuchern Johann Sebastian Bachs „Air“. Oberbürgermeister Oder, der sich „eine politisch wirksame, würdigende und pietätvolle Ausgestaltung ohne übertriebenen Traueranreiz“ gewünscht hat, beginnt um zehn Minuten vor zwei seine Rede. Die Namen der Toten sind in alphabetischer Reihenfolge bereits verlesen. „Der große Verlust berührt uns alle um so mehr, weil das Wohlergehen der Bürger und besonders die glückliche Zukunft der Jugend wesentliches Grundanliegen der Politik unseres sozialistischen Staates ist“, sagt der Genosse mit Doktortitel.

Sozialistische Fürsorge: Aber Geld tröstet nicht

Im Saal sitzen Eltern, deren Kinder den Absturz überlebt haben, obwohl Oder diesen Wunsch zuvor abgelehnt hat. „Dem Drängen der Familienangehörigen der verletzten Kinder folgend, wurden diese doch noch in die Sitzordnung eingeordnet“, heißt es später. Im Konvoi gelangen die vor Trauer Gebückten und die vor der Partei Aufrechten zum Waldfriedhof. Ruth Wurm wird von einem Mann gefahren, dem sie als Finanzrevisorin zwei Griffe in die Schulkasse nachgewiesen hat. „Das war Absicht“, sagt sie.

Auf dem Friedhof sind 2500 Gäste. Graue Genossen und Geheimdienstler tragen Schwarz und werden von den Trauernden trotzdem enttarnt. Der letzte Satz im Bericht, der Gedenkfeier und Beisetzung auswertet, ist: „Gäste aus der BRD zeigten sich beeindruckt von der Fürsorge, die Staatsorgane den Hinterbliebenen zuteilwerden ließen.“

Nach diesem Donnerstag verschwinden die Überlebenden und die Opfer mit ihrem Kummer und ihren Schmerzen aus dem öffentlichen Leben. Nirgends werden ihre Stimmen gehört oder gelesen. Kein Gedenkstein erinnert an die Tragödie – bis heute ist der Waldfriedhof der Ort, der am meisten von den Toten erzählt.

Die Eltern leiden jetzt auch an Gerüchten, sie hätten sich am Tod ihrer Kinder bereichert und 80 000 Mark erhalten. Belege fehlen jedoch in den Akten. Für Unmut sorgt zudem, dass sich die Trauernden im Kaufhaus Magnet außerhalb der Öffnungszeiten für die Beerdigung haben einkleiden dürfen.

Die Überlebenden erhalten Unfallrenten zwischen 80 und 370 Mark im Monat – je nach Verletzung. Eltern, die ihr Kind verloren haben, werden meist mit vierstelligen Summen entschädigt. Doch die versprochene „volle Fürsorge der staatlichen und gesellschaftlichen Organe“ spüren sie nicht. Erfüllt habe der Staat vor allem Versicherungsleistungen, erzählen sie ihren Betreuern.

Jeder Überlebende hat seine Absturz-Ursache

Die Erinnerung an die Tragödie, an den Tod von 15 und 16 Jahren alten Kindern, an Mitschüler und Freunde lässt sich nicht verkaufen. Dass der russische Pilot den Absturz verschuldet hat, wie die Zeitungen schon am 17. Dezember verkündet haben, ist zu wenig.

Um 13.36 Uhr hat die Tupolew 134 die DDR-Grenze überflogen und ist Minuten vor der geplanten Landung in Schönefeld wegen Nebel nach Prag umgedreht. Jeder Überlebende holt Verdächtiges aus dem Gedächtnis: die Mechaniker auf der Suche nach einem Defekt an der Tupolew, die zusteigenden Flugschüler und die russische Liebe zum Wodka. Beweise hat niemand.

Am Tag vor Silvester kommt der stellvertretende Verkehrsminister und Generaldirektor der Interflug um 11 Uhr ins Schweriner Rathaus. Die Tupolew habe „keinerlei technische Störungen“ aufgewiesen, sagt Klaus Henkes. Aber was ist mit dem Knall vor dem Aufprall, mit dem Feuer, dem Schwanken, der angekündigten Notlandung? „Die Kinder waren aufgeregt“, antwortet Henkes. „Nicht ein einziges Wort dieser Art ist auf dem Band.“ Der Kapitän sei die Landebahn zu tief angeflogen und dann nicht noch einmal durchgestartet. „Dafür waren objektiv alle Bedingungen vorhanden. Es ist also eindeutig menschliches Versagen des Piloten.“

Der Bezirksschulrat, der Sekretär der Kreisleitung, der Oberbürgermeister, der Schulstadtrat, der Parteisekretär der Schneller-Schule, die Direktorin, ihr Stellvertreter und der Vorsitzende des Elternbeirates – sie hören, was Henkes berichtet. Hinterbliebene oder Überlebende hören nichts. Niemand hat sie eingeladen.

Die Eltern wünschen sich ein Telefon oder eine andere Wohnung, einen Heimplatz für Omi oder einen Urlaub an der Ostsee. Eine Familie bittet um Freistellung von der Arbeit über Weihnachten und weist darauf hin, Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit „unter den Betroffenen bekämen das sogar bis Neujahr“. Eine andere beklagt sich über den „Gaststättenleiter“, der sich bei der Absprache für die Trauerfeier „flapsig, unhöflich, mit der Zigarette in der Hand und nur auf Schwierigkeiten verweisend, benommen hat“. Der Ingenieur und die Kindergärtnerin, die ihre Tochter verloren haben, wollen „ein kleines Mädchen“ adoptieren.

Der Zusammenhalt aber verlässt die Schweriner, deren Kinder am 12. Dezember 1986 gemeinsam abgestürzt sind. Dass sich jeder besonders schlecht entschädigt wähnt, stört im Rathaus offenkundig niemanden. Kein Bündnis verträgt Neid.

Letzte Worte: „Viele liebe Grüße sendet der Opa“

Die Eltern wundern sich, als die Betreuer Mitte des Jahres 1987 wieder klingeln. „Sie meinten, dass dazu offenbar ein Auftrag vorliegen müsse“, schreibt einer der Genossen an den Oberbürgermeister. Die Trauernden verstummen nicht. Eine Familie habe auf dem Friedhof „ständige Kontakte zu den anderen betroffenen Eltern“, berichtet ein anderer Betreuer. Alle würden sich gegenseitig „heiß machen“ und immerfort fragen, warum die Interflug zugelassen habe, „dass unsere Kinder in solch einer unzuverlässigen Aeroflot umkommen mussten“. Antworten finden sie nicht.

Die Tupolew 134 mit ihren 72 Toten ist längst in den Akten gelandet. Ein Paar schreibt dem Oberbürgermeister, „dass wir Eltern nach sieben Monaten des Verlustes unserer Kinder bereits in Vergessenheit geraten sind“.

Ruth Wurm ist nach dem Absturz wegen ihrer Enkel auf den Dreesch gezogen. Sie hat nicht wieder geheiratet. Letztes Lebenszeichen ihres Mannes ist eine Karte aus Minsk. Er erzählt vom Hinflug, vom Staatszirkus und dem Hotel, schwärmt von der Gastfreundschaft und verabschiedet sich mit dem Satz: „Viele liebe Grüße sendet der Opa.“

Das Glück hat sie nicht wiedergefunden in all den Jahren. „Ich bin zufrieden“, sagt Ruth Wurm, schließt die Akte und löscht das Licht am Schreibtisch.
 

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