Totschlags-Prozess : Totes Baby in eine Tüte gesteckt

Die Angeklagte und ihr Rechtsanwalt
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Die Angeklagte und ihr Rechtsanwalt

Totschlags-Prozess gegen 28-jährige Mutter mit Zeugen fortgesetzt

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08. Juli 2014, 07:30 Uhr

Den Einsatz vom 4. April 2013 in Grevesmühlen wird die Rettungsassistentin vermutlich nie vergessen. Gestern erinnerte sie sich als Zeugin vor dem Schweriner Landgericht sehr deutlich daran. An jenen Abend, an dem ihr Team nach einem Notruf von einer vermeintlich Schwangeren in deren Wohnung eilt. Eine junge Frau öffnet die Tür, ohne ihr Telefongespräch zu unterbrechen. „Wo ist denn die Frau, die zur Entbindung soll?“, fragen die Rettungssanitäter. „Ich bin es“, habe die Frau geantwortet, seltsam ruhig, nach außen jedenfalls. Nichts, so erinnert sich die Zeugin, habe auf das hingedeutet, was sie nun erfahren sollten. Die Frau erzählt ihnen, dass sie gerade ein Kind zur Welt gebracht habe. In der Badewanne. Aber unter der Geburt sei sie ohnmächtig geworden. „Wo ist das Kind?“, fragen die Sanitäter. „Es hat nicht überlebt“, sagt die Frau. „Aber wo ist es?“, bohren sie nach. „Da ging sie in die Küche, hob eine Tüte auf und brachte sie mir.“ Die Zeugin zögert kurz. „Da war das Kind drin. Es war tot“, sagt sie. In zwei weiteren gut verknoteten Tüten befindet sich die Nachgeburt. Der Notarzt alarmiert die Polizei. So nehmen die Ermittlungen ihren Lauf, an deren Ende nun die 28-Jährige wegen Totschlags vor Gericht steht.

Sie hat ein gesundes Baby zur Welt gebracht, stellte ein Gerichtsmediziner später fest. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie das Baby nach der Geburt in der Wanne ertränkte. Die Angeklagte hat im Prozess bereits Auskunft über ihre Version des Tatgeschehens gegeben. Was sie sagte, soll nicht bekannt werden. Das Gericht hatte die Öffentlichkeit für diesen Teil der Verhandlung ausgeschlossen. Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte, wie es hieß. Ihrer – und der ihrer drei Kinder. Die beiden älteren Töchter leben bei der Großmutter, der zweijährige Sohn wohnte zumindest bis zum Tattag bei ihr. An jenem Abend schlief er in der Wohnung.

Die Zeugin schildert noch eine Begegnung, die ihr im Gedächtnis blieb. Auf dem Weg zum Rettungswagen, der Mutter und Sohn ins Krankenhaus bringen soll, treffen sie im Treppenflur auf die Großmutter. Die nämlich wohnte in der Nähe und war durch den Rettungseinsatz alarmiert. „Ich kann nichts dafür“, habe die Tochter, nun doch erregt, ihrer Mutter zugerufen. Das Kind sei schon tot gewesen, als sie das Bewusstsein wiedererlangt habe. Wie eine Rechtfertigung habe das geklungen, meint die Zeugin. Ein bisschen auch, als fürchte sie sich vor der Reaktion der Mutter. Die habe allen Anschein nach keine Ahnung von der erneuten Schwangerschaft ihrer Tochter gehabt. „Ich ziehe doch schon zwei ihrer Kinder auf“, habe die ältere Frau gesagt, als es darum ging, wo denn nun der Kleine bleibt. „Mehr schaffe ich einfach nicht“.

Ihm habe die 28-Jährige einen Tag nach der Tat erzählt, das Kind habe die Nabelschnur um den Hals gewickelt gehabt, als sie aus der Ohnmacht erwachte, sagte gestern ein Kriminalbeamter. Ruhig und gefasst habe sie das Geschehen geschildert und später auch bei der Rekonstruktion mit einer Puppe in ihrer Wanne bereitwillig mitgemacht. Die Ruhe habe sie nur verloren, sagt der Polizist, als ihr klar wurde, dass er ihr ihre Version nicht glaubt. Der Prozess wird fortgesetzt, die nächsten Tage wieder weitgehend ohne Öffentlichkeit.

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