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Zeitung für die Landeshauptstadt

23. Oktober 2017 | 00:54 Uhr

Leichen in MV : Tote ohne Namen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

55 ungeklärte Leichenfunde in Mecklenburg-Vorpommern: Langjährige Ermittlungen im LKA

von
erstellt am 22.Jul.2016 | 12:00 Uhr

Die Identität des Toten vom Schweriner Krebsbach bleibt ungeklärt. „Wir haben bislang keinen Vermissten, der zu dieser Person passt und auch keine anderen Anhaltspunkte“, sagt Stefan Salow, Polizeisprecher der Landeshauptstadt. Ausweise trug der Mann nicht bei sich. Die stark verweste Leiche war am 7. Juli dieses Jahres im Schweriner Stadtteil Krebsförden von einem Spaziergänger unter einer Brücke am Krebsbach gefunden worden. Die menschlichen Überreste waren mit einer Decke zugedeckt.

Wer war dieser Mann? „Vielleicht ein Tippelbruder, der einsam verstorben ist“, vermutet Salow. Anzeichen von Gewalt fanden die Ermittler nicht. Auch nach der Untersuchung der Leiche in der Rostocker Rechtsmedizin ergaben sich keine Anhaltspunkte für ein Verbrechen. Die genaue Todesursache lässt sich wegen des Zustandes der Leiche nicht mehr feststellen. Sicher ist, dass der Tote Monate unter der Brücke lag und bereits Spuren von Tierfraß aufwies.

Nach der rechtsmedizinischen Untersuchung werden unbekannte Tote in Würde beerdigt. Die Suche nach der Identität geht allerdings weiter.

Weil die Ermittlungen der Polizeiinspektion Schwerin in den ersten Tagen zu keinem Erfolg führten, ging eine Meldung an das Landeskriminalamt (LKA). Dort fertigen Spezialisten derzeit für das Fachressort „Vermisste/Unbekannte Tote“ ein DNA-Gutachten an, mit dem europaweit nach der Identität des Toten gefahndet werden kann. „Zahnstatus, Aussehen, Bekleidung und andere Details werden in solchen Fällen ebenfalls genau dokumentiert“, berichtet LKA-Sprecher Michael Schuldt.

Experten des LKA gleichen diese Informationen über den Toten in speziellen Datenbanken ab, die fast stündlich mit aktuellen Details über Vermisste oder aufgefundene unbekannten Tote aus dem gesamten Bundesgebiet gefüttert werden.

Selten bleibt die Identität von Toten über Monate oder Jahre unbekannt. „Seit 2010 sind 22 solcher Vorgänge bei uns eingegangen“, so der LKA-Sprecher. Durch Computerrecherche, und kriminalistische Kleinarbeit konnten davon 17 Verfahren erfolgreich abgeschlossen werden.

Doch über die Jahre haben sich im LKA 55 Altfälle angesammelt, bei denen die Identitäten der Toten vermutlich niemals gelöst werden können. Die ältesten Akten stammen aus dem Jahr 1970.

Ungelöst ist bis heute die Herkunft eines Schädels in Boizenburg. Der Fall gehört vermutlich zu den makabersten in der Kriminalgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns. Spielende Kinder fanden im November 1994 in Boizenburg einen teilweise verwesten menschlichen Kopf. „Mit Haaren und Weichteilen“, wird der Fund in den Polizeiakten beschrieben. Die Kinder klemmten den Schädel auf den Fahrrad-Gepäckständer und brachten ihn zu ihren Eltern. Die riefen die Polizei, nachdem sie den ersten Schock überwunden hatten.

Gerichtsmediziner stellen später fest, dass der abgetrennte Kopf zu einem Mann gehörte, der vermutlich ein Jahr zuvor durch Schläge oberhalb der Nasenwurzel und auf den Hinterkopf gestorben ist. Unklar ist bis heute, wer dieser Mann war, wer sein Mörder ist und wo die Reste des Körpers sind.

Nicht aufgeklärt sind auch mysteriöse Knochenfunde im Wald von Stern Buchholz bei Schwerin vom Juli 1997. Forstarbeiter entdeckten in einer Schonung den verwesten unteren Teil eines Beines. Suchhunde der alarmierte Polizei brachten später noch einen Oberschenkel und eine Hand zum Vorschein. „Vermutlich hatten Füchse und andere Tiere den Leichnam schon vorher entdeckt“, so ein Ermittler.

Die menschlichen Überreste stammten von einem Mann, der über 50 Jahre alt und etwa 1,65 Meter groß war und die Schuhgröße 42 hatte, stellten Gerichtsmediziner fest. Später wurden am Fundort noch Fetzen von Textilien und Papierschnipsel sichergestellt, die zu einem DDR-Ausweis gehörten. Ob der Mann Opfer eines Verbrechens wurde oder in dem Wald, der bis 1993 Übungsgelände der sowjetischen Armee war, eines natürlichen Todes starb, ist bis heute unklar.

Dagegen konnte die Identität einer kopflosen Frauenleiche aufgeklärt werden, die am 25. März 1997 bei Fahrbinde in der Nähe des heutigen Autobahnkreuzes Schwerin gefunden wurde. Beim Abgleich in der Datenbank kamen anfangs acht vermisste Frauen infrage – darunter auch Ilse-Maren Graalfs, die Exgattin des Berliner Multimillionärs und Baulöwen Dieter Graalfs. Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern war seit dem 21. März 1997 spurlos verschwunden. Auf alten Röntgenaufnahmen vom Hüftgelenk der Berlinerin stießen Rechtsmediziner bei ihren Untersuchungen auf Übereinstimmungen mit der bei Fahrbinde gefundenen Leiche. Weitere Ermittlungen brachten die Gewissheit, dass es sich bei der Toten um Maren Graalfs handelt.

Geschlossen werden konnte die Akte Graalfs damit allerdings noch nicht. Bis heute ist es der Berliner Polizei nicht gelungen den oder die Mörder der Frau zu finden. Das Verbrechen, möglicherweise ein Raubmord, blieb ungesühnt.

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