Rastow : Tief verwurzelt in Pulverhof

Eine Erinnerung an schöne Kindertage: 1940 hat Margarete Rietzkes Bruder Fritz den Ranzen bekommen.
Eine Erinnerung an schöne Kindertage: 1940 hat Margarete Rietzkes Bruder Fritz den Ranzen bekommen.

Margarete Rietzke ist eine Hüterin alter Schätze und Traditionen

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13. Juli 2018, 05:00 Uhr

Zu jedem Stück in ihrem kleinen Museum kann Margarete Rietzke eine Geschichte erzählen. Oft sind es Erinnerungen an ihre eigene Kindheit. „Im Winter haben wir die Riemen lang gemacht, uns damit über die vereisten Straßen ziehen lassen und den Ranzen als Schlitten benutzt“, erzählt die heute 78-Jährige und packt eine Ledertasche auf den Tisch. Schiefertafel, Griffel und eine alte Fibel holt sie heraus. Ihr Bruder Fritz hatte die Schultasche 1940 bekommen. Allen ihren zehn Geschwistern und auch Margarete Rietzke selbst, habe der Ranzen gute Dienste geleistet. „Er musste hin und wieder geflickt werden, aber sonst ist er gut erhalten“, sagt sie, zieht die Schnallen wieder zu und hängt ihn an die Wand neben den alten Jagdrucksack und die Schlittschuhe aus ihren Kindertagen.

In einem Teil der großen Tenne bewahrt sie auf, was das Familienleben über viele Jahrzehnte ausmachte. „Es ist kein Trödel von anderen Leuten, sondern nur Dinge, die auch hier im Haus benutzt wurden“, betont Margarete Rietzke. Nicht selten bekommt sie Besuch von den jüngsten Einwohnern der Gemeinde Rastow. Schulklassen und Kindergartengruppen schauen sich gern bei ihr um, lauschen ihren Geschichten, staunen über alte Gerätschaften und genießen das Landleben. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die Welt verändert hat“, sagt sie. Denn dass die Dinge heute nur noch eine sehr kurze Halbwertzeit haben, kann sie nicht verstehen. „Aber es gibt ja auch alles im Überfluss. Ist etwas sehr schmutzig, kommt es in die Tonne. Alles muss praktisch sein“, sagt die Pulverhoferin. Dass sie von ihren Kindern und Enkeln für ihre weiße Bettwäsche belächelt wird, ist ihr egal. „Ich weiß wenigstens noch, wie ich sie blütenweiß bekomme“, schiebt sie mit einem Augenzwinkern hinterher.

Margarete Rietzke nimmt das Leben trotz vieler Schicksalsschläge leicht: Sie singt seit mehr als 40 Jahren im Chor, ebenso lang ist sie aktiv im Rommé-Club, hält das riesige Bauernhaus in Schuss, kümmert sich um den Garten und etwas Federvieh. Früher reichte die Kraft noch für gemeinsame Ausfahrten mit ihrem Mann Siegfried – mit dem Automobilclub erkundeten sie das Land. „Heute sind die Straßen zu voll. Das ist nichts mehr für uns.“ Doch die Seniorin bleibt keineswegs nur zu Hause. Regelmäßig ist sie in den Blaubeerwäldern rund um Pulverhof anzutreffen. Stundenlang pflückt sie emsig die kleinen Waldfrüchte. In manchen Jahren bis zu 50 Kilogramm. „Das ist meine Erholung und mein Sport“, sagt die 78-Jährige. In diesem Jahr seien die Blaubeeren zwar reichlich an den Büschen zu finden, aber sehr klein. „Da ist es fraglich, ob ich 50 Kilogramm schaffe“, sagt Margarete Rietzke. Am liebsten isst sie die Früchte übrigens mit Quark.

Und wenn die Tage wieder kühler werden, widmet sie sich dem Stricken: Socken und Hausschuhe. Langeweile – ein Fremdwort. Und mit der Stille, die immer öfter im Haus herrscht, hat sie sich arrangiert. „Das Haus ist viel zu groß für mich und meinen Mann allein. Aber ich bin hier aufgewachsen und ich gehöre hier her.“

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